|
Dieses Jahr haben uns die nationalen und internationalen Terminplaner eine
etwas unübliche Reihenfolge der verschiedenen 10-Tänze-Meisterschaften
beschert: Ende September hat in Kanada die Weltmeisterschaft stattgefunden,
schon eine Woche später war ein großer Teil der WM-Teilnehmer, nämlich 15
Paare aus zwölf Nationen, in Chemnitz bei der Europameisterschaft am Start,
Ende Oktober wird in Troisdorf die Deutsche Meisterschaft ausgetragen. So
fahren also nicht die mehr oder weniger frisch gekürten nationalen Meister
zu den internationalen Turnieren, sondern die nationale Meisterschaft findet
umgekehrt unter dem Eindruck der gerade stattgefundenen internationalen
Meisterschaften statt. Die unbeweisbare Behauptung, Wertungsrichter neigten
dazu, sich an aktuellen Vorergebnissen zu orientieren, blieb auch in
Chemnitz unbewiesen, sie wurde sogar widerlegt. Das ergibt sich aus den
Ergebnislisten aus Kanada und aus Chemnitz: Die Reihenfolge der WM wurde in
Chemnitz deutlich abgeändert und findet sich in der EM-Liste nur noch in
Ansätzen wieder. Das bedeutet auch: Kein Paar hat ein anderes endgültig und
für alle Zukunft hinter sich gebracht, auch im Turnier gilt: Neues Spiel,
neues Glück.

Boris und Madeleine Rohne
Dies alles in Betracht ziehend sah man
als deutscher Turnierbesucher dem deutsch-internen Zweikampf mit Interesse
entgegen. Boris und Madeleine Rohne sind die Deutschen Meister über 10
Tänze, Simon Reuter und Julia Niemann haben sich erst vor kurzem
entschlossen, auch Latein zu tanzen. Dass die 10-Tänze-Neulinge der Profis
auf Anhieb ins WM-Finale kamen und die Deutschen Meister um einige Plätze
hinter sich ließen, das war für die meisten deutschen Tanzsportfreunde eine
Überraschung, je nach Aspekt oder persönlich-privater Präferenz eine
positive oder negative. Weil aber wohl kaum einer dabei war, kann man das
Resultat einfach nur Kenntnis nehmen.

Simon Reuter und Julia Niemann
Boris und Madeleine haben die Begabung,
sich von weniger erfreulichen Ergebnissen positiv motivieren zu lassen. Das
haben sie in Chemnitz gezeigt. Es war wohl das beste Turnier, das sie „nach
Gera“ (zur Erinnerung: WM 2007, 5. Platz) getanzt haben. Dabei kann es auch
keine Rolle gespielt haben, dass Boris und Madeleine bei Turnieren in
Sachsen die Rolle der Lokalmatadore spielen: Auch Simon und Julia können
sich über fehlende Unterstützung durch das Publikum und zu knappen Applaus
nicht beklagen. Letzterer war auch durchaus angebracht, denn sie haben nicht
nur in Standard ihr hohes Können demonstriert, sondern auch in Latein schon
nach kurzer Vorbereitungszeit eine beachtliche Leistung gezeigt. Die
Stuttgarter kamen in Standard in vier Tänzen auf den dritten Platz, im
Quickstep waren sie Boris und Madeleine unterlegen. Das hat sie wohl
letztlich den dritten Platz gekostet, denn im abendlichen Lateinteil drehten
Boris und Madeleine den Spieß um kamen in allen fünf Tänzen auf Platz 3.
Michael Hull würdigt beide Paare in seinem Beitrag des Näheren. Beide Paare
haben sich als gute Kombinierer auch deshalb erwiesen, weil sie nicht nur
ein gutes Gesamtergebnis erzielt, sondern gleichwertig in Standard und
Latein ganz vorne eine Rolle gespielt haben. Bei beiden war in keinem Tanz
der Platz schlechter als 4. In den Platzziffern gibt es nach dem vierten
Platz einen großen Abstand von 27,5 Punkten, die Fünften mussten auch siebte
Plätze hinnehmen, für die Sechsten wurde auch ein elfter Platz verbucht.

Boris und Madeleine Rohne
Auch an der Spitze hat sich gegenüber
der WM die Reihenfolge umgedreht. Die beiden vordersten Paare haben in allen
Tänzen die Plätze 1 und 2 unter sich ausgemacht. Die im Amateurlager bis vor
kurzem sehr erfolgreichen Russen Alexey Zakharin und Anastassia Novozhilova
kamen auf Platz 2, die WM-Dritten Ronald Myrkin und Natalia Biedniagina aus
der Ukraine sind die neuen 10-Tänze-Weltmeister.

Simon Reuter und Julia Niemann
Die umgestaltete Stadthalle Chemnitz
und die routinierte organisatorische Vorbereitung durch die ADTV-Tanzschule
Köhler-Schimmel boten beste Voraussetzungen für eine internationale
Meisterschaft. In der Stadthalle hatte es bisher nur wie im Kino oder
Theater Sitzreihen gegeben, jetzt sind um die Tanzfläche auch Tischreihen
angeordnet, das schafft eine festlichere Atmosphäre. Altem Chemnitzer Brauch
entsprechend war das Turnier, obwohl auch die Gäste Tanzgelegenheit hatten,
in eine große Tanzshow eingebettet, die auch einen Überblick in die
vielgestaltige Arbeit in den einzelnen Gruppen der Tanzschule bot. Sehr
gelungen war auch Jürgen Schimmels Idee, sich die Moderation mit Sohn Thilo
zu teilen, wie es sich schon seit einiger Zeit auch bei Fernsehmoderationen
oder auch bei den GOC bewährt. Das lässt auch Raum für Kreativität und
ermöglicht spontanen Humor. Zum Beispiel jene Überleitung zu einem Paso
doble, die Jürgen Schimmel nach der bekannten Erläuterung des
Stierkampfmotivs mit der Bemerkung abschloss: „Und wenn kein Stier zu finden
ist: Hier steht ein Schimmel ….“
Falko Ritter
Die ersten Sechs:
1. Roman Myrkin / Natalia Biedniagina (Ukraine) (11)
2. Alexey Zakharin / Anastassia Novozhilova (Russland) (19)
3. Boris und Madeleine Rohne (Deutschland) (34)
4. Simon Reuter / Julia Niemann (Deutschland) (36)
5. Vitalii Rudenko / Iryna Levit (Israel) (63,5)
6. Fabrizio Cravero / Lorena Cravero (Italien) (75)
Wertungsrichter:
Michael Hull (Deutschland), Bruno Belousov (Russland), Ratna de Rijk
(Niederlande), Francois Visele (Frankreich), Lynette Boyce (Großbritannien),
Tony Irving (Schweden), Walter Szell-Aigner (Österreich), Anatoly Trilisky
(Israel), Olena Lemishko (Ukraine)

Alle Fotos wurden freundlicher Weise von der Tanzschule
Köhler-Schimmel, Chemnitz zur Verfügung gestellt
|
Michael Hull war so freundlich, uns über seine Eindrücke folgenden
Beitrag zu schreiben:
Europameisterschaft 10 Tänze am 10. Oktober 2009 in Chemnitz
Mit
viel Humor begeisterte uns immer wieder Herr Schimmel, der als
Veranstalter durch das Programm der Veranstaltung geführt hat.
Vor kurzem waren die Weltmeisterschaften über die 10 Tänze in
Kanada, und alle Paare hatten nach diesem Leistungshoch trotzdem
einen sehr sportlichen Ehrgeiz, bei diesem Turnier in Chemnitz ihre
Leistung nochmals zu präsentieren.
Für mich ist die Technique die mechanische Fähigkeit, eine Kunstform
darzustellen. Auch die Kenntnis der Bewegungstechnik der modernen
Standardtänze ist unabdingbar für ein intensives Begreifen der
klassischen Tradition, und natürlich ist es umgekehrt ebenso, aber
das Verständnis der Anatomie ist nach wie vor die Basis dafür, und
trotzdem hatten einige Standardpaare Arme wie Kampfwerkzeuge. Die
Qualität hat ihren Ursprung in der bestmöglichen Beherrschung der
fundamentalen Prinzipien unserer komplizierten Sportart, deswegen
war es für mich unverständlich, warum einige Paare, mit ihrer Kraft
mal redlich bemüht gegen die Beweglichkeit sich selbst als Gegner im
Wege standen.
Einige Paare nahmen sich beim Turnier wichtiger als das
Vorgebrachte.
Kunst beginnt dort, wo das gemachte aufhört. Es gibt Möglichkeiten
mit der Choreographie zu glänzen, aber die saubere Technique wird
immer mit Qualität auf dem Weg nach vorne führen. Egal wie viel
Kraft man in das hineinlegt, es wird nur für kurze Zeit Erfolg
haben. Über diese Paare möchte ich mich nicht äußern.
Natalia Biedniagina und Roman Myrkin (Ukraine) gewannen mit
einer durchweg sehr guten Leistung und Kondition die
Europameisterschaft in den 10 Tänzen.
Denitsa Ikonomova und Christian Millette (Bulgarien) führten
uns eine sehr angenehme spielerische Rhythmische Darstellung in den
lateinamerikanischen Tänzen vor. Auch in den Standardtänze sah man,
das es sich entwickelt, eine optimale Linie zu finden, um später
einen Treppenplatz im Finale zu behaupten.
Bei Lorena und Fabrizio Cravero (Italien) fragte ich mich:
Wer hat die Probleme – die Musik mit „denen“ oder wir mit ihr oder
war es die Tyrannei des Taktes? Ich habe nichts gegen
Rhythmusverzögerungen aber „aus dem Takt“ ist bei diesem Turnier
fehl am Platz. Jeder Ton in der Musik hat das Recht gehört zu werden
so, wie sich auch jede Bewegung Freiheit entwickeln und zeigen darf.
Julia Niemann und Simon Reuter (Deutschland): Ihr habt
Stimmungen und Befindlichkeit des Tanzes in Eurer Körperhaltung sehr
gut umgesetzt. Der Slowfox basiert auf natürlichen Gehbewegungen und
ist der leichteste Standardtanz, wenn man gehen kann. Ihr habt uns
die Leichtigkeit und Bewegungslehre des Standardtanzens vorgeführt.
Simon spielte rhythmisch gerne mit den erforderlichen kontrollierten
Spannungsmustern. Der Slowfoxtrott-Dreierschritt war an dem Abend
einzigartig und eindeutig der Beste. Einer mit Schwung, der andere
mit Erfahrung. Ihr beiden wart das Zweite. In den
Lateinamerikanischen Tänzen war ich schon erstaunt welche Leistung
von diesem Paar kam, aber im Finale fehlte die konsequente
Kondition.
Madeleine und Boris Rohne (Deutschland). Zwei tolle
Persönlichkeiten führten uns deutlich hervor, wie die Lehre vom
körperlichen Ausdruck und Rhythmus im Tanz, besonders in Latein,
sich vereinen kann. Ein beispielhafter Erfolg, der nicht zuletzt auf
der außergewöhnlichen Leistung der beiden beruht. Gut motiviert und
konditioniert bewältigten die beiden die Aufgabe, sich gut zu
präsentieren, und es kam nicht nur beim Publikum gut an.
P.S. Es ist schade, dass Paare immer wieder kurzfristig
absagen. Wie soll aber der Veranstalter weiterhin und in Zukunft das
Vertrauen der empfindlichen Sponsoren finden?
Michael Hull |
|