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Neue Kürpaare, auch an der Spitze!
Die Kür ist in nationalen DPV-Turnieren der sechste Tanz, DPV-Paare müssen
also eine Kür parat haben. Nicht alle wollen aber auch an reinen
Kürturnieren teilnehmen. Erfreulicherweise haben nun auch einige der recht
zahlreichen Paare, die in der letzten Zeit ins Profilager übergewechselt
sind, diese Absicht. Sechs Standardpaare statt vier wie im Vorjahr, acht
Lateinpaare statt sieben, damit konnte mehr als ausgeglichen werden, dass
einige Paare mit dem aktiven Tanzen aufgehört haben.
Schaut man sich die Ergebnislisten an, kommt einem die Methode
„Reißverschluss“ an den Autobahnbaustellen in den Sinn. Die Profineulinge -
man kann ja derzeit fast von ein einem Zustrom sprechen - sind durchaus
nicht nur in der zweiten Hälfte des Feldes zu finden, viele sprechen schon
von Anfang an ganz vorn ein Wort mit, einige sind auf Anhieb auf den
Siegertreppchen zu finden. Das ist gut so, Sich-Hochdienen-Müssen würde dem
Reglement und auch dem Sportsgeist widersprechen. Beispielsweise Jurij und
Aleksandra Kaiser aus Hamburg: Im Herbst des vergangenen Jahres hatten sie
bei der Deutschen 10-Tänze-Meisterschaft beide Endrunden erreicht und
insgesamt den zweiten Platz belegt, und auch jetzt in Hannover kamen sie in
beiden Turnieren klar ins Finale. Für beide Küren ließen sie sich von
Michael Jackson inspirieren, das Publikum war sehr angetan.
Für das Finale der Standardkür hatten sich drei weitere Paare qualifiziert.
Dazu zählten auch Felix Schäfer und Nina Ciechowski aus Berlin, die im
letzten Jahr gleich nach dem Wechsel ins Profilager das Finale der Deutschen
Standardmeisterschaft erreicht haben und jetzt mit ihrer Kür „Ritornare“
sogar mit Platz 3 auf dem Siegertreppchen standen.
Extrem knapp ging es zu beim Kampf um den Sieg: Einerseits waren die
Vorjahreszweiten Boris und Madeleine Rohne nicht am Start, andererseits
hatten Oliver Thalheim und Tina Spiesbach, die letztes Jahr mit der Kür
pausiert hatten, zusammen mit William Pino ihre Kür „Era gia tutto previsto“
(„Das hat man alles kommen sehen“) überarbeitet. Das machte die Sache für
Simon Reuter und Julia Niemann, die ihre erfolgreiche Kür „Emotions“
wiederum überzeugend vorgetragen haben, nicht leicht. Am Ende kam praktisch
Punktgleichheit heraus: Wertungsrichter Asis Khadjeh-Nouri hatte sowohl
Reuter/Niemann als auch Thalheim/Spiesbach mit 5,9/5,9 gleich bewertet. Für
diesen Fall schreibt die Turnier- und Sportordnung des DPV (26.2) vor, dass
sich der Wertungsrichter über seine Platzvergabe entscheiden muss. Das
geschah zugunsten der Titelverteidiger. Dass ein Meistertitel mit knappem
Ergebnis errungen wird, schmälert seinen Wert nicht, und Konkurrenz belebt
das Geschäft.
Für Spannung sorgte erst recht die Zusammensetzung des Finales der Lateinkür:
Die Deutschen Meister der Jahre 2006 bis 2008 Stefan Erdmann und Sarah
Latton waren im vergangenen Jahr nicht am Start, Federico Slemties und
Stephanie Thoms hatten in Hannover die Rolle der Lokalmatadore, Jesper
Birkehoj und Anna Kravchenko gehören dem Profilager zwar schon einige Zeit
an, haben sich aber erst jetzt entschlossen, auch reine Kürturniere zu
tanzen, und schließlich war man auf Sergiy Plyuta und Debbie Seefeldt
gespannt, ein sozusagen nagelneues Profipaar, Platz 14 der letzten Deutschen
Amateur-Meisterschaft Latein immerhin. Debbie ist übrigens die Schwester von
Oliver, der viele Jahre im DPV sehr erfolgreich getanzt hat.
Nicht ganz einig war sich das Wertungsgericht über Slemties/Thoms. Sie
wurden auf Plätze von 2 bis 5 gewertet, das ergab letztlich den vierten
Platz. In der B-Note bekamen sie u.a. eine 6,0, davon waren es vor einem
Jahr sogar einige mehr. Und in der Tat: Die Choreographie „Now“ ist
einfallsreich und phantasievoll, weist hohe Schwierigkeitsgrade auf, die
problemlos beherrscht werden, und man schaut gerne zu. Aber wenn Kritiker
behaupten, dass dieser Einfallsreichtum manchmal zu Lasten erkennbarer
Lateincharakteristik geht, wird man nicht widersprechen können. So kommen
dann eben Wertungsdiskrepanzen zustande, mit denen das Paar mit dieser Kür
immer wieder wird rechnen müssen. Oder auch nicht, eine neue Kür ist, wie
man hört, in Arbeit.
Solche Vorbehalte gibt es bei den Küren der drei Erstplatzierten nicht. Für
Sergiy Plyuta und Debbie Seefeldt war diese Deutsche Meisterschaft das erste
Profiturnier. Schon bei der Abnahme der Küren durch den Invigilator am
Nachmittag wurde klar, dass sich dieses Paar auf einen guten Platz würde
einrichten können. Ihre Kür zur Musik von Il Divo „Mama thank you for who I
am“ überzeugte, die Wertungen gingen von 5,7 bis 5,9, neben vier dritten und
zwei vierten Plätzen war auch ein zweiter dabei. In derselben Bandbreite
lagen die Wertungen für die Kür „Art of Rhythm“ für Stefan Erdmann und Sarah
Latton, wenngleich mit insgesamt positiverer Tendenz. Das Paar konnte im
letzten Jahr aus familiären Gründen nicht an den Start gehen, mit fünf
zweiten Plätzen haben sie sich wieder eindrucksvoll zurückgemeldet.
Die Kürdisziplin wird aufgewertet, wenn sich ihr auch Paare aus den vorderen
Rängen der „normalen“ Turniere widmen. So gesehen könnte auch die
Beteiligung von Jesper Birkehoj und Anastasija Kravchenko für viele andere
Paare das richtige Signal sein. Sie bekamen für ihre Kür nach der Musik „And
all that Jazz“ (aus dem Film Chicago mit Richard Gere und Catherine
Zeta-Jones) sechsmal 5,9 und achtmal 6,0. Klarer geht es kaum, und verdient
war es allemal.
Wieder einmal einige Anmerkungen:
Die offizielle Bezeichnung im Weltverband WDC für diese Disziplin lautet „Southamerican
Showdance“. Offenbar gibt es unterschiedliche (vielleicht jeweils legitime)
Auffassungen darüber, ob der Akzent auf „Showdance“ oder - der deutschen
Bezeichnung folgend - auf „lateinamerikanisch“ liegen sollte. Erfreulich
wäre es, wenn in diesem Punkt von denen, die sich berufen fühlen, für etwas
mehr Klarheit gesorgt würde. Eine eindrucksvolle „Nagelprobe“ ist es, beim
Abspielen der Aufzeichnungen der Küren den Ton abzuschalten. Da kann man
ggf. auch „stumm“ Latein erkennen. Aber halt nicht immer ...
Bei manchen neuen Küren kommt man mit extravaganter Musik, wenn man sie im
Finale das zweite Mal hört, schon etwas besser zurecht als das erste Mal.
Das macht aber die Sache riskant: Der Freund klassischer Musik kann sich
Zeit lassen, bis er sich z.B. mit einer Sonate von Brahms, die er auf einer
CD hat, anfreunden kann. Bei Kürturnieren ist das anders: Sie sind selten,
ein Wertungsrichter wird eine bestimmte Kür vielleicht nur ein einziges Mal
zu bewerten haben. Da muss die Musik den Zuschauer auf Anhieb ansprechen.
Wird nach dem Turnier eine Musik als „schwierig“ oder „eigenwillig“
bezeichnet, ist sie der Akzeptanz der Kür im Wege gewesen. Natürlich darf es
auch kein irgendwann nervender Gassenhauer sein wie 1996 Macarena von Los
del Rio. Für mich ein positives Beispiel in diesem Turnier: „Mama thank you
for who I am“.
Der Kuppelsaal des Hannover Congress Centrums ist ein Veranstaltungsort, in
dem schon einige Kapitel Tanzsportgeschichte geschrieben wurden. Es ist
schön, dass diese Turnierstätte von dem ADTV-Tanzlehrer Jens Kressler, der
zusammen mit seinem Kollegen Horst Misch die Crea Dance Nord Gala
ausgerichtet hat, für den Tanzsport wieder aktiviert wurde. Der Abend war
hervorragend organisiert, es wäre schön, wenn in nicht zu ferner Zukunft
erneut von dort berichtet werden könnte.
F.R.
Standard:
Finale:
1. Simon Reuter / Julia Niemann (Stuttgart)
2. Oliver Thalheim / Tina Spiesbach (Leipzig)
3. Felix Schäfer / Nina Ciechowski (Berlin)
4. Jurij und Aleksandra Kaiser (Hamburg)
Semifinale:
5. Mario Schiena / Sabine Sommer (Leverkusen)
6. Marc Hotfilder / Heike Macke (Münster)
Latein:
Finale:
1. Jesper Birkehoj / Anastasiya Kravchenko (Karlsruhe)
2. Stefan Erdmann / Sarah Latton (Köln)
3. Sergiy Plyuta / Debbie Seefeldt (Hamburg)
4. Federico Slemties / Stephanie Thoms (Hannover)
5. Jurij und Aleksandra Kaiser (Hamburg)
Semifinale:
6.-7. Sergey Oladyshkin / Anastasia Weber (Stuttgart)
6.-7. Stefan Heinrich / Manuela-Agata Brychzy (Berlin)
8. Marcus Schäfer / Nadine Helena Hoffmann (Düsseldorf)
Wertungsrichter:
Peter Hölters (Mönchengladbach)
Asis Khadjeh-Nouri (Hamburg)
Giselle Keppel (Köln)
Manfred Kober (Rheda-Wiedenbrück)
Janet Marmulla (Berlin)
Monika Niederreiter (München)
Ute Streicher (Vörstetten)
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