|
Ein etwas anderer Turnierbericht
Es bringt nichts, schlechte Ergebnisse schön zu reden: Die Platzierungen der
beiden deutschen Paare waren - in erster Linie für sie selbst -
enttäuschend. Die Deutschen Meister Boris und Madeleine Rohne aus Leipzig
und die Deutschen Vizemeister Martin Schurz und Sofia Bogdanova aus Bonn
haben in den vergangenen Jahren schon wiederholt auch international im
vorderen Teil des Feldes gut mitgehalten, außer Ronald Myrkin und Nataliya
Biedniagina war kein weiteres Paar mit erkennbarer Kürvergangenheit am
Start, beide Paare haben in der ersten Runde (dem Semifinale also) gute
Leistungen gezeigt. Diesen Umständen wird der Platz im hinteren Teil des
Feldes für Boris und Madeleine nicht gerecht, und auch Martin und Sofia
haben sich gewiss aus gutem Grund einen besseren Platz als den sechsten
ausgerechnet. Martin und Sofia erreichten - bei sieben Wertungsrichtern -
einmal Platz 3 und dreimal Platz 4. Dennoch bescherte ihnen die
Turnierarithmetik am Ende nur den sechsten Platz. Schade, es war ihr letztes
gemeinsames Turnier nach vielen erfolgreichen gemeinsamen Jahren.
Analysiert man die beigefügten Ergebnislisten ein wenig, stellt sich die
Sache dann aber doch als weniger desaströs dar als auf den ersten Blick: Das
rechnerische Ergebnis der Auswahlwertung in einem Semifinale spiegelt ja
nicht die Relation der Leistungen wider. Auch bei nur hauchdünnen
Leistungsunterschieden ist es meist so, dass fast alle Kreuze an die
vorderen Paare vergeben werden, für die anderen bleibt kaum mehr etwas
übrig, so dass der konkrete Platz nur wenig Aussagekraft hat. Das ist bei
Kürturnieren nicht anders als bei den „normalen“.
Bei Kürturnieren kommt aber hinzu, dass die Marge, innerhalb derer
unterschiedliche Wertungen für dasselbe Paar auch im Lichte der
WDC-Kürregeln gerechtfertigt werden können, deutlich größer ist als bei
reinen Standard- oder Lateinturnieren. Natürlich, es gibt auch dort in den
Wertungen „Ausreißer“, aber es gibt - auch international - einen sehr
stabilen Konsens darüber, was gut ist und was schlecht ist. Beim Kürturnier
gibt es hingegen zu vieles, was zwar regelkonform ist, im Einzelnen aber der
Gestaltung durch das Paar und seinen Choreographen überantwortet wird:
Anteil der reinen Standard- oder Lateinelemente, Zahl und Auswahl der für
die Kür verwendeten Tänze, Auswahl der Musik, Entscheidung für oder gegen
ein konkretes dann zu interpretierendes Thema. Daraus ergeben sich Produkte
mit viel gravierenderen Unterschieden als es bei sonstigen Turnieren möglich
wäre. Diese sehr unterschiedlichen, allesamt aber regelgerechten
Darbietungen können dem einen Wertungsrichter gut gefallen, dem anderen
weniger, es wird also ein gewaltiger Anteil dessen, was bewertet werden
soll, auf die Ebene des persönlichen Geschmacks verlegt. Dorthin gehört es
bei einem ernstzunehmenden sportlichen Wettkampf aber nicht.
Eine Unterscheidung zwischen A- und B-Wertung wird von den Wertungsrichtern
bei manchen Turnieren nur sehr zurückhaltend vorgenommen: Von den sieben mal
sieben, also 49 Endrundenwertungen haben 36 (also 73 %) zwischen A- und
B-Wertung entweder keinen Unterschied oder nur einen von einem Zehntel. Es
kann aber in keinem Kürturnier wirklich so sein, dass in der ganz
überwiegenden Zahl der Fälle bei absoluter Wertung der technische Wert so
gut oder fast genau so gut ist die die künstlerische Gestaltung. Da gibt es
den, der nicht gerade der Technikpapst ist, aber eine einfallsreiche,
zündende Küridee präsentiert, da ist der andere, der Technik kann wie sie im
Lehrbuch steht, seinen Ideenreichtum allerdings etwas bändigt. 5,1 und 5,9
muss ebenso vorstellbar sein wie 5,9 und 5,1. Warum erleben wir es nie?
Trotz der genannten Unschärfen der Bewertungsgrundlagen des Kürtanzens gab
es für den Sieger mit Plätzen ausschließlich von 1 bis 3 ein recht klares
und auch vom Publikum akzeptiertes Ergebnis. Für die weiteren Paare auf den
Plätzen 2 bis 5 gab es Spannweiten von 1 bis 6, von 2 bis 7, sogar von 1 bis
7. Da spielt dann wirklich viel Glück mit.
Ministerpräsident Stanislav Tillich bewies Interesse an dieser
Europameisterschaft nicht nur durch seine Anwesenheit, er hat das Turnier
auch vom Anfang bis zum Ende sehr aufmerksam verfolgt. Er sehe sich gerne
Tanzturniere an, so fasste er seine Eindrücke zusammen, denn es komme dabei
auf Anmut, Ausdrucksstärke und Akkuratesse an, das gefalle ihm. Allerdings
könne er die erheblichen Diskrepanzen in den Wertungen nicht ganz verstehen.
Zwar seien an diesem Abend die Leistungsunterschiede wohl nicht besonders
groß gewesen, aber eine Spanne von 5,1 bis 5,8 könne er dann doch nicht so
recht nachvollziehen.
Eine gute Werbung für den Tanzsport war die Veranstaltung dennoch: Im
Festsaal des Internationalen Congress Centrums des Maritim-Hotels Dresden
findet sich seit etlichen Jahren ein tanzsportbegeistertes und -
interessiertes Stammpublikum ein, das die von der ADTV-Tanzschule Lax sehr
gut organisierten Turnierabende zu schätzen weiß.
Falko Ritter
Ergebnisse (mit Startnummern):
Finale:
1. (8) Vlad Borodinov / Irina Garus (Russland)
2. (10) Roman Myrkin / Nataliya Biedniagina (Ukraine)
3. (12) Arkadiy Polezhaev / Natalja Panina (Niederlande)
4. (1) Plamen Danailov / Radostina Gerova (Bulgarien)
5. (7) Alessandro Camerotto / Nancy Berti (Italien)
6. (6) Martin Schurz / Sofia Bogdanova (Deutschland)
7. (9) Dimitry Kolesnikov / Maria Kejzman (Russland)
Semifinale:
8. (11) Oleksander Yelizarov / Nataliya Ivanova (Ukraine)
9.-11. (5) Boris und Madeleine Rohne (Deutschland)
9.-11. (4) Pierre Vallée / Marion Duguest (Frankreich)
9.-11. (2) Michael Petr / Petra Bischoff (Tschechien)
12. (13) Roland Kouwenberg / Janneke Vermeulen (Niederlande)
Wertungsrichter:
(A) Nigel Horrocks, Großbritannien, (B) Els Zwijsen-Gevaert, (C) Alan
Clarke, Großbritannien (D) Ingrid v. Szell, Österreich (E) Sergey Ryupin,
Russland, (F) Aileen Brown, Schottland, (G) Bianca Schreiber-Orschitt,
Deutschland
|