Sergej Diemke und Katerina Timofeeva auf dem Treppchen ganz oben - Zweiter Weltmeistertitel der Profitänzer in deutscher Hand

Gera hatte am ersten Maiwochenende alle Hände voll zu tun: Zum einen hatte die gerade eröffnete Bundesgartenschau 2007 bereits viele Besucher in das thüringische Städtchen gelockt, zum anderen war die Panndorfhalle Schauplatz der 10-Tänze-Weltmeisterschaft der Professionals.

„Königsdisziplin“ wird diese Wettkampfart des Tanzsports oft genannt, und in der Tat ist sie etwas Besonderes: Dieselben Paare messen sich in zwei Arten des Tanzens, deren Unterschied eben nicht in erster Linie in der Kleidung und in offener oder geschlossener Tanzhaltung zu sehen ist, sondern in Fragen der Musikinterpretation, der Rhythmik, des Körpergefühls und des Bewegungsablaufs. Die damit verbundenen Probleme (äußerlich: des häufigen Kleiderwechsels zwischen den Runden, mental: des „Umschaltens“ vom Standard- auf Lateinempfinden und umgekehrt) war in Gera dadurch gemildert, dass man den Wettkampf auf zwei Tage angesetzt hatte. Die Paare konnten sich also an einem Tag auf Standard, am zweiten auf Latein konzentrieren.

26 Paare von 28 ursprünglich gemeldeten waren angetreten, das sind fünf mehr als 2006. Das ist nicht nur eine statistische Feststellung, dieses gute Meldeergebnis ist auch vor dem Hintergrund der aktuellen internationalen tanzsportpolitischen Gegebenheiten erfreulich. Elf dieser Paare waren schon 2006 dabei, neun schon 2005. Das ist prozentual weniger als bei Standard und Latein, die Erklärung dafür ist aber einfach: 10 Tänze, das bedeutet praktisch doppelten Aufwand an Training und Reisen zu Turnieren. Viele Paare spezialisieren sich deshalb früher oder später auf eine der Einzeldisziplinen. Das wiederum hat zur Folge, dass das "10-Tänze-Feld" nicht für längere Zeit sehr konstant sein kann. Die „Beständigen“ finden sich vor allem im vorderen Teil des Feldes. Das ist nicht verwunderlich: Erfolg motiviert zum Verweilen.

So fielen dann schon in der ersten Standardrunde vor allem die Finalisten und Semifinalisten der Vorjahre auf, nicht wegen der früheren Erfolge, die man als Zuschauer ohnehin nicht im einzelnen präsent hat, sondern weil sie einfach besser sind als die anderen. Der deutschen Zuschauer konnte mit Genugtuung konstatieren: Die Prognosen, Sergej Diemke und Katerina Timofeeva könnten – nach dem dritten Platz des Vorjahres - dieses Mal Weltmeister werden, beruhen nicht auf Zweckoptimismus. Fünf gewonnene Standardtänze bestätigten das. Leicht war dieses Zwischenergebnis nicht zu erzielen, denn es mussten immerhin die erfolgreichen Paare der beiden Vorjahre Hou/Hou (4.) und Mustuc/Lukosiute (7.) bezwungen werden. Gleichermaßen galt das Interesse der „deutschen Delegation“ natürlich dem zweiten deutschen Paar Boris Rohne und Madeleine Epler. Sie machten von Anfang an klar, dass es dieses Mal nicht beim 13. Platz des Vorjahres bleiben würde. In zwei Tänzen (Wiener Walzer und Quickstep) kamen sie ins Finale, erhielten dort sogar Dreien und Vieren und schlossen den Standardteil mit dem siebten Platz ab. „Ausbaufähig“, das war dazu im Hinblick auf den noch ausstehenden Lateinteil die allgemeine Meinung.

Dass die Lateinergebnisse anders sein müssten, war schon in den ersten Tänzen der Vorrunde zu erkennen: Hou/Hou konnten an ihre Standardstärke nicht anknüpfen und fielen in der Gesamtabrechnung auf Platz 4 zurück. Alexander Berezin, mit anderer Partnerin im letzten Jahr Vizeweltmeister, hatte mit neuer Partnerin Viktoria Rudkowskaja am Vortag in Standard nicht sonderlich überzeugt, zog aber in Latein schon von Beginn an die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich. Gleichwohl konnten Sergej und Katerina noch einige Einsen für sich verbuchen, aber der Löwenanteil der Bestnoten ging verdient an die Russen, die sich damit vom fünften Platz in Standard auf den dritten Medaillenrang verbessern konnten.

Die Amerikaner Mustuc/Lukosiute zehrten von ihrem zu Recht guten Standardergebnis und wurden mit einem dritten und vier fünften Plätzen Vizeweltmeister. Auf den dritten Platz kamen in Latein die Franzosen Cyril Cerveau und Emilie Caille, die man im Standardteil eigentlich nicht weiter wahrgenommen hatte, das Lateinergebnis brachte sie auf Platz acht. Die konstanteste und auch deshalb beste Leistung über 10 Tänze zeigten mit fünf ersten Plätzen in Standard und fünf zweiten Plätzen in Latein Sergej und Katerina, die nach 1998 - damals haben Michael Hull und Mirjam Zwijsen die 10-Tänze-WM gewonnen - diesen Titel wieder nach Deutschland geholt haben.

Boris Rohne und Madeleine Epler haben die Erwartungen, die sie am Freitag mit ihrer bemerkenswerten Standardleistung geweckt hatten, nicht enttäuscht: Sie waren in allen Runden in jeder Phase voll präsent, tanzen sehr gut auf sie abgestimmte Choreographien und kamen in allen fünf Tänzen klar ins Finale. Durchweg vierte Plätze brachten sie im Endergebnis auf Platz 5. Die Platzzifferrelation 54,5 zu 56 zeigt, wie knapp sie den vierten Platz verfehlt haben.) Dieser Erfolg ist gut für die beiden, denn er stärkt bei ihnen sicher das berechtigte Selbstbewusstsein, das im Tanzsport neben gutem technischem Vermögen die erwünschten Erfolge erzielen hilft.

Die östlichen Bundesländer waren schon immer, auch „zu DDR-Zeiten“, ein gutes Pflaster für den Tanzsport. Das ist jetzt weiterhin seit Jahren bei den Amateuren so (z.B. ARD Masters Gala und WM Latein in Leipzig), aber auch bei den Professionals, die hier schon eine ganze Reihe namhafter Veranstaltungen durchgeführt haben. Dafür braucht man nicht nur Hallen, Funktionäre und Sponsoren, sondern auch begeisterungsfähiges Publikum. Die Panndorfhalle, 2004 fertig gestellt und für derartige Veranstaltungen sehr gut geeignet, war bei einem Fassungsvermögen von fast 2.000 Zuschauern bei allen vier Teilveranstaltungen (Freitag und Samstag jeweils am Nachmittag und am Abend) fast ausverkauft. Das Publikum brachte hohes Interesse an dem Geschehen auf der Fläche mit und feuerte nicht nur die deutschen Teilnehmer sondern auch Paare aus dem Ausland an, wie es der Rolle guter Gastgeber entspricht.

Entlohnt wurden die Zuschauer nicht nur durch die Leistungen der Turnierteilnehmer, sondern auch durch ein bemerkenswert reichhaltiges Rahmenprogramm, in dem eine breite Palette tänzerischer und tanzsportlicher Aktivitäten gezeigt wurde, vor allem von den im „Förderverein Tanzen Gera“ zusammengeschlossenen Einrichtungen. Krönung dieser Programmteile war (an beiden Tagen) eine Show, in der abwechselnd William Pino mit Alessandra Bucciarelli und Bryan Watson mit Carmen Vincelj die Herzen der Tanzsportenthusiasten höher schlagen ließen.

Falko Ritter

Copyright © für alle Fotos: Falko Ritter