Spannende Deutsche Meisterschaft: Die Lateiner in Böblingen

Immer wieder entschließen sich Turnierpaare, sich anderen, manchmal auch anspruchsvolleren Herausforderungen zu stellen: Beispielsweise wechseln sie von den Amateuren zu den Professionals. Das betreffende Paar ist dann auf die Atmosphäre des neuen Umfelds gespannt, ebenso natürlich auf die sportlichen Chancen, die sich dort werden realisieren lassen. Aber auch für dieses sportliche Umfeld bringt der erste Start des neuen Paares Unwägbarkeiten mit sich: Wo in der Leistungsskala werden die Neuen sich einsortieren? Wer wird ein weiteres Paar im Ranking vor sich hinnehmen müssen?

Anschauungsmaterial für diese Binsenweisheiten gab es am vergangenen Wochenende in der ausverkauften Kongresshalle in Böblingen: Franco Formica hatte sich nach einer längeren Wettkampfpause – sein letztes Turnier mit Oksana Nikiforova war im November 2004 eine Masters Gala in Essen – vor kurzem dem Deutschen Professional Tanzsportverband angeschlossen und nun für die Deutsche Meisterschaft gemeldet. Lange Turnierpause, neue Partnerin, das ist eine „Rechnung mit einigen Unbekannten“. Mit dieser Rechnung beschäftigten sich naturgemäß die Finalpaare des Vorjahres. Da einerseits in der Regel nur sechs Paare an einer Endrunde teilnehmen, andererseits mit etwas anderem als einer Finalteilnahme des Profineulings nicht zu rechnen war, würde jedenfalls einer der Finalisten des Vorjahres weichen müssen. Das kann – in der Sprache der Psychologen – zu Stress führen, der über die übliche nervliche Meisterschaftsbelastung noch hinausgeht.  Dieser Stress wirkt sich je nach persönlichen Gegebenheiten beim einen positiv aus („Eustress“), beim anderen negativ „Disstress“).

Franco Formica / Oxana Lebedew
Sergej Diemke / Katerina Timofeeva

Für die Titelträger Bryan Watson und Carmen Vincelj spielten diese Dinge keine Rolle: Die Weltmeister und Europameister (seit 1999) und Deutschen Meister (seit 2000) brauchten sich keine Gedanken darüber zu machen, ob sie diesen Turnierabend mit einem weiteren Sieg abschließen würden. Alle Einsen in den fünf Turniertänzen und fast durchweg 6,0-Noten  in der Kür sorgten für eine klare Entscheidung, die für niemanden überraschend kam. So richtete sich das Interesse des Fachpublikums vor allem auf die weiteren Platzierungen.

Die Wertungen des Semifinales haben für die ersten neun Paare – erst danach kommt ein größerer Abstand – folgende Zahlen ergeben:

Finalisten: 70 – 70 – 70 – 68 – 58 – 56 –  Semifinalisten: 54 – 42 – 29 Sichtlich enttäuscht waren Stefan Erdmann und Sarah Latton, die sich immerhin um zwölf Punkte von ihren Verfolgern abgesetzt hatten und denen nur zwei weitere Punkte für den Einzug in ein  - dann siebenpaariges – Finale gefehlt haben. Die Endrundenwertung für die Paare, die dann auf die Plätze 4 bis 6 kamen, verdeutlicht die Leistungsdichte in diesem Teil des Feldes: Für alle drei Paare gab es in fast allen Tänzen Wertungen von 4 bis 6, auch die Platzziffern zeigen, wie eng es zuging. Da spielen dann bei einigen auch die oben erwähnten Einflussfaktoren von „Eustress“ und „Disstress“ eine Rolle: Diemke und Rohne schienen mir – letzterer jedenfalls nach der Vorrunde - „freier“ zu tanzen als ich sie aus den letzten Turnieren kenne, Schurz hingegen etwas verhaltener. Wie auch immer: Wären nur wenige Einzelwertungen anders gewesen, hätte sich das auf die Reihenfolge ausgewirkt. Die mit ihrem Resultat Unzufriedenen brauchen deshalb nicht zu befürchten, dass diese Rangfolge bis zur nächsten Deutschen Meisterschaft zementiert ist.

Martin Schurz / Sofia Bogdanova
Boris Rohne / Madeleine Epler

Ein superklares Ergebnis für den Sieger, ein deutlich mehr auf Rechenregeln zurückzuführendes Ergebnis auf den Plätzen 4 bis 7, es bleibt nur noch der von vielen mit Spannung erwartete Zweikampf Formica – Homm zu kommentieren. Prognosen, die im Foyer gewagt wurden, mussten ohne eine echte sachliche Grundlage abgegeben werden, man hatte Franco Formica seit zweieinhalb Jahren nicht mehr im Turnier gesehen, mit der neuen Partnerin Oxana Lebedew schon gar nicht. Allenfalls konnte man also gedanklich das Nürnberger Paar, über das man sich als Zuschauer bei Turniere in der letzten Zeit oder anhand aktueller Ergebnismeldungen ein Bild machen konnte, mit einer Tänzerin und einem Tänzer vergleichen, die ebenfalls wohlbekannt sind, allerdings mit anderen Partnern.

Markus Homm / Elena Kalugina
Bryan Watson / Carmen Vincelj

Da reicht es dann nicht, dass man eine Leistung erwartet, die sozusagen dem rechnerischen Mittel entspricht. Die Spitzentrainer des Tanzsports haben sich in der letzten Zeit dem Begriff „partnering“ zugewandt und verstärkt auf die Bedeutung des „Miteinander“ beim Tanzen aufmerksam gemacht. Just dies war vor diesem Zweikampf „die schon erwähnte große Unbekannte“: Wie würde es „zusammen aussehen“?  Franco Formica, nicht minder aber Oxana Lebedew, die bei den GOC 2005 mit Sergey Oseychuk noch Jugend Latein getanzt (und gewonnen) hat, haben Publikum und Wertungsrichter überzeugt: 34 von 35 Zweien sind für die neuen deutschen Vizemeister der Professionals ein fürs erste nicht zu überbietendes Ergebnis und ein hervorragender Einstand. Auch der Verband kann sich freuen: Er ist für die internationale Repräsentanz des deutschen Profitanzsports noch besser gewappnet als schon bisher.

Falko Ritter

Das Gesamtergebnis ist auf den Newsseiten wiedergegeben.

Die Fotos  wurden uns freundlicherweise von der CMS-Medien Fotoagentur zur Verfügung gestellt. Das ist nur eine kleine Auswahl aus der umfangreichen Fotogalerie, die auf den Seiten der CMS-Medien Fotoagentur zu finden ist.

 

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