Deutsche Meisterschaft der Professionals in Standard Tänzen am 22. September 2007 in Braunschweig

Vorab ein Lob an den Ausrichter Marcus Weiß und das Orga-Team der Braunschweig Dance Company e.V. (Stefan Krause, Marcus Weiß, Thomas Kitta und Marcus Hajek): Diese Deutsche Meisterschaft war ganz offensichtlich mit viel Liebe und Sorgfalt geplant und vorbereitet worden. Trotz einer Liveschaltung des NDR – in diesen Fällen sind spontane Änderungen des Ablaufplans nichts Ungewöhnliches -  kam praktisch nie Hektik auf, drohende Pannen wurden von vielen freundlichen Helfern gehindert sich auszuwirken, die Moderationen waren unterhaltsam, ohne in die Nähe von Klamauk zu geraten, kurzum: Alles hat gestimmt. Gestimmt hat auch das Rahmenprogramm, in dem die Lateinformation der TSG Bremerhaven, eine Lateinshow von Evgenij Voznyuk und Oksana Nikiforova, aber auch Michael Hull mit seiner Tango-Pantomime Highlights darstellten.

Schaut man sich die Ergebnislisten Deutscher Meisterschaften über mehrere Jahrzehnte hinweg an, dann stellt man fest: Manchmal wird der Titel für lange Zeit von demselben Paar gehalten, dann gibt es wieder Zeiten, in denen der Titel mit Aussicht auf Erfolg von zwei oder mehreren Paaren beansprucht wird. Für viele Zuschauer sind das die interessanteren Wettkämpfe.

Der Standardtitel ging von 1997 bis 2004 an Heiko Kleibrink und Giselle Keppel. 2005 hat sich Marcus Weiß – er war zuvor mit Anja Schramm bei den Amateuren erfolgreich – mit der Schwedin Isabel Edvardsson bei den Professionals angemeldet. Das war das Jahr, in dem Heiko und Giselle pausieren mussten. Die für Marcus und Isabel guten Titelaussichten ließen sich aber in diesem Jahr nicht realisieren: Die Dänen Brian Eriksen und Marianne Eihilt gingen für Deutschland an den Start und errangen Meisterehren. 2006 traten Heiko und Giselle wieder bei der DM an, zum letzten Mal, wie es Insider schon vorher erfahren hatten. Letzte Meisterschaftsteilnahme eines mehrmaligen Titelträgers, das sah nach Unangreifbarkeit aus. Aber Marcus und Isabel haben es im Kölner Gürzenich dennoch geschafft.

Diesen Titel galt es jetzt in Braunschweig zu verteidigen. Und wieder war Bewegung in die Szene gekommen: Mit Spannung hatte man das erste Zusammentreffen der Deutschen Meister 2006 und der erst im Mai ins Profilager übergewechselten Sascha und Natascha Karabey erwartet. Allgemein wurden den Bad Homburgern – sie waren bei den Amateuren 2005 und 2006 Vizeweltmeister - die besseren Chancen eingeräumt, wenngleich damit zu  rechnen war, dass es die Titelverteidiger den Angreifern – bei einem „Heimspiel“ in Braunschweig – nicht leicht machen würden. In der Tat: Sie wirkten, von zahlreichen Fans unterstützt, gelöst und unangestrengt und tanzten – so zum Beispiel der Kommentar von Werner Führer – eines ihrer besten Turniere.

Gleichwohl ließen sich ihre Hoffnungen auf eine Titelverteidigung nicht realisieren: Das hochkarätige siebenköpfige Wertungsgericht kam bei der Entscheidung über den Sieg – übrigens ähnlich auch für die weiteren Plätze – zu einem bemerkenswert einhelligen Ergebnis: Sascha und Natascha Karabey mussten in den fünf regulären Turniertänzen nur zwei Einsen abgeben. Bei der abschließenden Kür wurde „Zorro“ von Marcus und Isabel hoch gehandelt, zu Recht: „Zorro“ hat ein klares Konzept, ist in der Choreographie wohltuend schnökellos und wurde musikalisch absolut sicher vorgetragen. Auch wer Zorro schon kannte, hatte seine Freude. Erst recht war man auf Saschas und Nataschas Kür gespannt. Wohl kaum einer im Saal hatte sie vor diesem Abend schon gesehen. Als „Kür ohne Namen“ wurde sie angekündigt, für die Vorbereitung hatten die beiden sich dieses Mal William Pino anvertraut, Oliver Wessel-Therhorn stand kurz nach überstandener Krankheit noch nicht wieder zur Verfügung. Die Kür bestach nicht nur durch eine stimmige Choreographie, sie wies auch technisch wie musikalisch höchste Schwierigkeitsgrade auf, die souverän gemeistert wurden. Alle sieben Wertungsrichter gaben dafür in der A- Note die 6,0, während die B-Note – mit vier Höchstwertungen für Sascha und Natascha, fünf für Marcus und Isabel – etwas günstiger für die neuen Vizemeister ausfiel.

Kandidaten für die drei nächsten Plätze waren – jedenfalls nach den Vorrundenergebnissen – drei Paare, von denen jedes eine andere „Vorgeschichte“ hat: Boris Rohne und Madeleine Epler sind schon seit ein paar Jahren ein erfolgreiches Standard- und Lateinpaar des DPV, Oliver Thalheim und Tina Spiesbach waren zum ersten Mal bei einer Profi-DM am Start, haben aber bei den Amateuren zuletzt weit vorn mitgemischt, Marc Scheithauer und Kerstin Stettner haben eigentlich schon vor einigen Monaten mit dem Tanzen aufgehört, wollten sich aber nach langer erfolgreicher Zeit im Amateur- wie anschließend im Profilager  in einer angemessenen Weise verabschieden und sind deshalb in Braunschweig noch einmal an den Start gegangen.

Thalheim/Spiesbach hatten einen guten DM-Einstand, sie wurden in allen Tänzen und der Kür auf Platz 3 gesetzt. Bei dem Zweikampf der beiden übrigen hat sich wieder einmal gezeigt: Die Kür ist keine Zugabe, sie kann ausschlaggebend sein: Nach den fünf regulären Tänzen waren Scheithauer/Stettner mit drei besseren Tänzen knapp im Vorteil, ein vierter Kürplatz für Rohne/Epler – sie haben erkennbar am Kürtanzen viel Freude und können dann deshalb Reserven mobilisieren – und ein sechster für Scheithauer/Stettner drehten die Reihenfolge um. 

Marc Scheithauer und Kerstin Stettner wurden von Präsident Karl Breuer geehrt und verabschiedet. Alle anderen bereiten sich schon auf die nächsten Turniere vor, eine Reihe der Paare wird sich schon wieder am 6. Oktober in Chemnitz bei einem DPV PRO TOUR Turnier treffen. Marcus und Isabel, die die Entscheidung des Wertungsgerichts in sportlicher Haltung akzeptiert haben, wollen für die nächste Zeit ihr Arbeitspensum etwas drosseln: Vorbereitung der DM auch als Ausrichter, Let's dance für Isabel, Trainertätigkeit, das war alles sehr viel. Sie sind aber  entschlossen weiterhin Turniere zu tanzen. Schließlich zählen sie auch als Vizemeister zu den Paaren, die Deutschland bei internationalen Meisterschaften vertreten werden.

Und die Deutschen Meister? An eines werden sich Sascha und Natascha, für die jahrelang vor allem Turniere mit dreistelligen Teilnehmerzahlen das tägliche Brot waren, gewöhnen müssen, nämlich an weniger Teilnehmer und infolgedessen weniger Runden. „Komisch, kaum hatte das Turnier angefangen, war es auch schon wieder zu Ende“, rekapitulierte Natascha scherzhaft am Sonntag beim Frühstück im Hotel.

Fotos: www.sports-picture.net

Falko Ritte

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