Weltmeisterschaft 10 Tänze

... und es war doch ein Erfolg Die Ziele, die sich die beiden deutschen Paare gesteckt hatten, waren bekannt: Verteidigung des Titels durch Diemke / Timofeeva und Verbesserung des Vorjahresergebnisses durch Rohne / Epler. Diese Ziele wurden nicht erreicht, da gibt es nichts zu beschönigen. Bei 10-Tänze-Turnieren ist alles ein bisschen anders als sonst: Es gibt Paare, die in Standard und Latein ungefähr gleich gut sind, andere wieder haben eine starke Disziplin und eine schwächere. Da schlägt dann vor dem Turnier und während des Turniers die Stunde der Rechenkünstler: „Wenn „A“ Standard klar gewinnt und „B“ den Lateinteil, dann muss „C“ wenigstens ...“. Es kann auch passieren, dass man in der zweiten Disziplin rechnerisch deshalb nicht genügend ausgleichen kann, weil sich hier ein Paar „dazwischenschiebt“. Bei 10-Tänze-Turnieren der Professionals gibt es noch weitere auswertungstechnische Besonderheiten, verglichen mit den Amateuren: Bei den Amateuren werden Runde für Runde beide Sektionen getanzt. Folglich kommen die Paare jeweils insgesamt über alle zehn Tänze in die nächste Runde. Wer also z.B. ins Semifinale gekommen ist, kann in der Schlussabrechnung keinen schlechteren als den 12. Platz bekommen. Anders nach dem Reglement des World Dance Council (WDC): Hier handelt es sich praktisch um zehn einzelne Turniere. Unterschiedliche Paare in unterschiedlicher Zahl erreichen die jeweils nächsten Runden, erst ganz zum Schluss werden die zehn erreichten Platzziffern addiert. Selbst gute Finalplätze in der ersten Disziplin sind keine Garantie für einen ordentlichen Platz in der Schlussabrechnung. Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten wurden an beiden Turniertagen die unterschiedlichsten Spekulationen angestellt. Für die drei ersten Plätze nannte man meist die Medaillengewinner des Vorjahres, nämlich neben dem deutschen Paar die US-Amerikaner Gherman Mustuc und Iveta Lukosiute sowie die Russen Alexander Berezin und Victoria Rudkovskaya. Berezin hat seine Stärken in Latein, Mustuc in Standard, das deutsche Paar dagegen zeigt über zehn Tänze wohl die ausgeglichenste gute Leistung.

So war man am Freitag also gespannt auf den Standardteil. Das Semifinale hat in keinem Tanz eine klare Spitzengruppe ergeben. Von - aufaddiert - 55 möglichen Kreuzen hat Mustuc 50 erzielt, dicht gefolgt von Diemke mit 48. Rohne / Epler fehlten bei einem recht gleichmäßigen Gefälle der Zahlen in jedem Tanz nur ein oder zwei Kreuze. das hat weh getan. - Im Finale hat sich wieder einmal bestätigt, dass man den Einfluss des mathematischen Systems der Ergebnisberechnung nicht unterschätzen darf: 22 Einsen gingen an Mustuc, 18 an Diemke, 12 an Koukarenko. Dennoch schloss Koukarenko den Standardteil - wegen der Verteilung der Wertungen im übrigen - mit einem geteilten zweiten Platz ab. Nun, das würde sich für Diemke reparieren lassen, war die optimistischere der verschiedenen Auffassungen am Abend dieses Turniertages. Dagegen war es nicht leicht, für Rohne / Epler, die ein sehr gutes Semifinale getanzt hatten, die passenden Trostworte zu finden.

Sonntag: „Neues Spiel, neues Glück“. Wie würden die beiden deutschen Paare, für die es in unterschiedlicher Weise nicht gerade optimal gelaufen war, mit der Situation zurecht kommen? Zunächst: Beide haben die ersten Runden so getanzt, dass sie klar und unanfechtbar in allen fünf Tänzen ins Finale gewertet wurden, Diemke im Semifinalergebnis rechnerisch auf Platz 3, Rohne auf Platz 4. Dann kam mit dem Finale „die Stunde der Wahrheit“. Boris Rohne und Madeleine Epler hatten die leichtere Aufgabe. Mit der Qualifikation für alle fünf Finalrunden stand fest, dass letztlich insgesamt kein schlechterer Platz als der sechste würde herauskommen können. Sie gönnten sich den Luxus, die Musik sehr schön auszutanzen und zeigten in der „Durchgängigkeit“ der Tänze oftmals Bestleistungen. Ein nach der Addition der Einzeltänze vierter Platz in Latein und der fünfte in der Gesamtabrechnung war der verdiente Lohn. Damit konnten die beiden das unerfreuliche Standardergebnis vom Vortag sicher verschmerzen.

Für Sergej Diemke und Katerina Timofeeva lag die Sache anders. Noch war es rechnerisch möglich, den Weltmeistertitel zu retten, aber mit Zahlenkonstellationen, die niemand im Saal so recht für realistisch hielt: Berezin und Diemke müssten sich die Einsen teilen, Mustuc dürfte nicht besser als mit Dreien und Vieren bewertet werden, mit all' dem zugleich war wohl nicht wirklich zu rechnen. Sehr respektabel war es, dass Sergej und Katerina gleichwohl versucht haben, das eigentlich nicht mehr Mögliche doch noch möglich zu machen. Sie haben im Finale alles gegeben, vielleicht an Körpereinsatz sogar ein bisschen zu viel. Das Endergebnis war schmerzlich, auf einem Medaillenrang geblieben zu sein konnte nicht trösten.

Angesichts mehrerer Finalwertungen von 1 bis 6 oder 7 machte natürlich auch das Wort „politische Wertung“ die Runde. Sicher gibt es tiefenpsychologische Faktoren, die einen unerwünschten Einfluss haben können. Aber die Grundregel des Turniertanzsports ist einfach, das Ziel ist erreichbar: Von elf Wertungsrichtern muss der, der das Turnier gewinnen will, sechs überzeugen. Gelingt ihm das, dann kann es ihm gleichgültig sein, wie fachkundig die übrigen sind und von welchen sachgerechten oder sachwidrigen Überlegungen sie sich haben leiten lassen.

Trotz allem war das Turnier ein Erfolg für den deutschen Profitanzsport: Beide deutsche Paare haben am Finale teilgenommen, die meisten Tanzsportnationen können von solchen Ergebnissen nur träumen. Ein Erfolg war aber auch die Veranstaltung als solche: Die ausrichtende Tanzschule Jürgen Tuppeck hatte diese Weltmeisterschaft auch in den Details hervorragend vorbereitet und organisiert, die Siegerlandhalle ist für große Tanzturniere sehr gut geeignet. Ausrichter und Verband haben sich bemüht, den Tanzsportfreunden aus dem Ausland gute Gastgeber zu sein. Das Publikum, das seine Gunst nicht nur den deutschen Paaren zuwandte, sondern sich auch von den Leistungen der übrigen begeistern ließ, war daran nicht unbeteiligt. Auch diese Dinge zählen, nicht nur die Ergebnislisten. Und außerdem: „Nach der Weltmeisterschaft“ heißt zugleich „vor der Weltmeisterschaft“

Falko Ritter

Hier das Endrundenergebnisse. Die vollständige Wertung finden Sie unter "Turniere" - "Wertungen".

Name Land W T WW S Q CC S R P J Sum Platz
Gherman Mustuc -
Iveta Lukosìute
USA 1 1 1 2 1 3 2 2 2 2 17 1
Alexander Berezin - Victoria Rudkovskaya Russland 5 2 4 4 3 1 1 1 1 1 23 2
Sergej Diemke - Katerina Timofeeva Deutschland 2 3 2 3 4 2 3 3 3 3 28 3
Anton Koukarenko - Alena Koukarenko USA 4 4 3 1 2 6 5 6 6 6 43 4
Boris Rohne -
Madeleine Epler
Deutschland 9,5 8,5 8,5 8 7,5 5 4 5 4 5 65 5
Toshiharu Naritake - Sayuri Nobemoto Japan 3 7 6 5 5 7 7,5 9,5 9,5 7,5 67 6

Weitere Informationen finden Sie beim World Dance Council
 

Die Fotos von Frank Heinen hat uns dankenswerterweise CMS-Media www.cms-media.de honorarfrei zur Verfügung gestellt.

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