Weltmeisterschaft der Professionals in den Standard Tänzen am 22. November 2008 in Bonn

Es war alles so wie früher …

Weltmeisterschaft der Professionals in den Standardtänzen

An frühere Erfolge und zugleich an frühere Traditionen hat der Deutsche Profitanzsport angeknüpft. Für den 22. November stand die Weltmeisterschaft 2008 der Professionals in den Standardtänzen auf dem Kalender, die der World Dance Council zur Ausrichtung an den Deutschen Professional Tanzsportverband übertragen hatte.

Finalteilnahmen deutscher Paare waren in den letzten Jahren bei Standardweltmeisterschaften eher selten: Bis 1991 war deutsche Repräsentanz die Regel. Die Reihe der Namen ist eindrucksvoll, eingeprägt haben sich vor allem: Trautz, Opitz, Führer, Busch, Wessel-Therhorn, Hull. Die dann folgende jahrelange deutsche Finalabstinenz wurde nur 1999 durch Heiko Kleibrink und Giselle Keppel unterbrochen. Auch das lag schon wieder neun Jahre zurück.

Aber eines war dieses Mal anders als in den Jahren davor: Die Prognosen aus Expertenmund klangen sehr optimistisch: Sascha und Natascha Karabey hatten sich 2007 entschlossen, zu den Professionals überzuwechseln, nachdem sie im Amateurlager mit zwei Vizeweltmeistertiteln 2005 und 2006 fast alles erreicht hatten, was man erreichen kann. In ihrem neuen Umfeld gaben sie gleich ein sehr gutes Bild ab, beispielsweise mit dem Finalanschlussplatz bei der WM 2007. Eine Analyse auch der weiteren Ergebnisse der großen Turniere der Welt zeigte: Für die WM 2008 war Optimismus erlaubt, ja sogar geboten.

WM 2008: Siegerehrung

Dass dieser Optimismus nicht nur nationaler Solidarität entsprang, bewies schon die Vorrunde: Es war nicht zu verkennen, dass Sascha und Natascha das Finale erreichen wollten, aber auch, dass sie das bei ihrem Leistungsstand und mit ihrem Selbstbewusstsein erreichen würden. Es wird ja von Runde zu Runde schwieriger gut auszusehen, weil nach und nach die weniger Guten ausscheiden und als Gegner nur die Besseren übrig bleiben. Aber Sascha und Natascha ließen von Runde zu Runde mehr die Hoffnung auf Finalteilnahme zur Gewissheit werden. Sie behielten den Überblick über die Fläche und zeigten abwechslungsreiche Programme, die auch in musikalischer Hinsicht hohe Schwierigkeiten aufweisen. Es war eine Freude, ihnen zuzuschauen. Deshalb war der Aufruf ihrer Startnummer, als Matthias Fronhoff die Finalzusammensetzung verkündete, für niemand eine Überraschung.

Eine WM-Finalteilnahme ist ein wichtiges Datum in der Karriere eines Turniertänzers. Sie stellt so etwas wie die höheren Weihen dar und ist eine Bestätigung, dass man definitiv zur Gruppe der Weltspitzenpaare zählt. Dass nicht der letzte Finalplatz herauskam und dass der fünfte mit einer Zwei und einigen Vieren verschönt wurde, rundete die Sache ab. Domen Krapez und Monica Nigro, oft durchaus ernst zu nehmende Gegner, waren an diesem Tag gegen Sascha und Natascha chancenlos. Sie kamen mit 22 Kreuzen ins Finale, die Paare davor hatten 55 bis 47. An Diskussionen darüber, ob für sie nicht auch der vierte Platz möglich gewesen wäre, haben sich Sascha und Natascha nicht beteiligt, aber eine Fehlentscheidung wäre auch das in keiner Weise gewesen. Domenico Soale und Gioia Cerasoli haben sich seit ihrer Amateurzeit im Gegensatz zu den anderen Finalpaaren im Grunde nicht mehr weiter entwickelt. An der Vergabe der Medaillenränge gibt es nichts zu beanstanden. Mirko Gozzoli und Alessia Betti ließen keinen Zweifel daran, dass die „alten“ Weltmeister auch die neuen sein würden. Und auch die Zweit- und Drittplatzierten werden fürs erste nicht so leicht angreifbar sein.

Franco Formica und Oxana Lebedew:

Es gibt Tage mit Glückssträhnen. Für den deutschen Profitanzsport war dies ein solcher: Auch auf das Abschneiden des zweiten deutschen Paares, Stanislaw Massold und Christine Deck - für sie war es die erste Teilnahme an einer Profi-Weltmeisterschaft - war man gespannt. Die beiden standen in der Gunst des Publikums und der Wertungsrichter durchaus nicht im Schatten des deutschen Finalpaares. Christines Ziel war, so sagte sie, das Semifinale, und zwar möglichst „ein einstelliges Ergebnis“. Die beiden wuchsen in den drei ersten Runden förmlich über sich hinaus und tanzten wohl das bisher beste Turnier ihres Lebens. Das angepeilte Semifinale war dann keine Frage mehr, in dieser Runde hielten viele sogar einen Einzug ins Finale für denkbar. Und auch das war nicht Wunschdenken: Stanislaw und Christine hatten mit 16 Kreuzen nur sechs weniger als die Slowenen, während die Verfolgerpaare nur zwei bis sieben Kreuze verbuchen konnten. Vier der elf Wertungsrichter hatten die beiden statt der Slowenen ins Finale gewertet.

Fast alle Paare, die der DPV in den letzten Jahren dazu gewonnen hat, sind frühere DTV-Amateure, die sich aus unterschiedlichen Gründen zum Wechsel ins Profilager entschlossen haben. Das persönliche Interesse der DTV-Funktionäre an diesen Paaren dauert fort. Die Anwesenheit des DTV-Präsidenten Franz Allert und des Bundessportwarts Michael Eichert unterstrich zugleich die traditionell gute Zusammenarbeit der beiden Verbände. Es gibt übrigens noch weitere Gemeinsamkeiten: DTV-Bundestrainer Oliver Wessel-Therhorn ist zugleich Beirat im Präsidium des DPV. Er wurde am Rande dieser WM vom DPV-Präsidenten Karl Breuer für seine mittlerweile jahrzehntelangen Verdienste um den Tanzsport mit der Goldenen Ehrennadel des DPV ausgezeichnet.

Ausgezeichnet in des Wortes doppelter Bedeutung: Oliver Wessel-Therhorn

Sportlich war der Anschluss an frühere Zeiten geschafft. Aber auch die Rückkehr an einen bewährten Veranstaltungsort hat vielen Paaren und Besuchern Freude gemacht: Von 1989 bis 2001 war der große Festsaal des Hotels Maritim in Bonn Schauplatz von zwölf Welt- und Europameisterschaften des Profitanzsports. Dann trat eine längere Pause ein, die zwar mit einer Deutschen Meisterschaft unterbrochen wurde, aber erst jetzt wieder kehrten die Profitanzsportler mit einem internationalen Ereignis in ihr „Wohnzimmer“ zurück; so hat Boris Becker zu seinen aktiven Zeiten den Centercourt in Wimbledon genannt. Keine schlechte Entscheidung: Dieser Schauplatz ist für große Tanzturniere geradezu prädestiniert, der festliche Rahmen motiviert die Paare zu besonders guten Leistungen und zu besonders ausdrucksstarkem Tanzen.

Abgerundet wird die Erfolgsbilanz des Tages durch die sorgfältige, liebevolle, jedes Detail bedenkende Vorbereitung und Durchführung dieses Ereignisses, die in den Händen der Tanzschulen Breuer und Lepehne-Herbst lagen. Der Begrüßungssekt gehörte ebenso dazu wie die „Damenspende“, und auch die Filmsequenz über große internationale Tanzsportereignisse, die zu Beginn auf einer großen Leinwand über der Bühne gezeigt wurde, stieß auf großes Interesse. Auch die Lateinshow des Deutschen Meisterpaares der Professionals in den lateinamerikanischen Tänzen, Franco Formica und Oxana Lebedew, waren ein Höhepunkt des Abends.

41 Paare aus aller Welt, Turnierveranstalter wissen, was das bedeutet. Matthias Fronhoff, bei dem sich in den Wochen davor ganz sicher erheblicher Schlafmangel angesammelt hatte, behielt trotz seiner Funktion als Turnierleiter auch bei dem Ereignis selbst die organisatorischen Fäden gelassen in der Hand. So konnte er sicher sein, dass sich alles so glanzvoll gestaltet hat, wie er es sich vorgestellt hatte.


Falko Ritter
 

Fotos: www.sports-picture.net

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