Europameisterschaft 10 Tänze der Professionals 10.10.2009 - Chemnitz

Dieses Jahr haben uns die nationalen und internationalen Terminplaner eine etwas unübliche Reihenfolge der verschiedenen 10-Tänze-Meisterschaften beschert: Ende September hat in Kanada die Weltmeisterschaft stattgefunden, schon eine Woche später war ein großer Teil der WM-Teilnehmer, nämlich 15 Paare aus zwölf Nationen, in Chemnitz bei der Europameisterschaft am Start, Ende Oktober wird in Troisdorf die Deutsche Meisterschaft ausgetragen. So fahren also nicht die mehr oder weniger frisch gekürten nationalen Meister zu den internationalen Turnieren, sondern die nationale Meisterschaft findet umgekehrt unter dem Eindruck der gerade stattgefundenen internationalen Meisterschaften statt. Die unbeweisbare Behauptung, Wertungsrichter neigten dazu, sich an aktuellen Vorergebnissen zu orientieren, blieb auch in Chemnitz unbewiesen, sie wurde sogar widerlegt. Das ergibt sich aus den Ergebnislisten aus Kanada und aus Chemnitz: Die Reihenfolge der WM wurde in Chemnitz deutlich abgeändert und findet sich in der EM-Liste nur noch in Ansätzen wieder. Das bedeutet auch: Kein Paar hat ein anderes endgültig und für alle Zukunft hinter sich gebracht, auch im Turnier gilt: Neues Spiel, neues Glück.

Boris und Madeleine Rohne

Dies alles in Betracht ziehend sah man als deutscher Turnierbesucher dem deutsch-internen Zweikampf mit Interesse entgegen. Boris und Madeleine Rohne sind die Deutschen Meister über 10 Tänze, Simon Reuter und Julia Niemann haben sich erst vor kurzem entschlossen, auch Latein zu tanzen. Dass die 10-Tänze-Neulinge der Profis auf Anhieb ins WM-Finale kamen und die Deutschen Meister um einige Plätze hinter sich ließen, das war für die meisten deutschen Tanzsportfreunde eine Überraschung, je nach Aspekt oder persönlich-privater Präferenz eine positive oder negative. Weil aber wohl kaum einer dabei war, kann man das Resultat einfach nur Kenntnis nehmen.

Simon Reuter und Julia Niemann

Boris und Madeleine haben die Begabung, sich von weniger erfreulichen Ergebnissen positiv motivieren zu lassen. Das haben sie in Chemnitz gezeigt. Es war wohl das beste Turnier, das sie „nach Gera“ (zur Erinnerung: WM 2007, 5. Platz) getanzt haben. Dabei kann es auch keine Rolle gespielt haben, dass Boris und Madeleine bei Turnieren in Sachsen die Rolle der Lokalmatadore spielen: Auch Simon und Julia können sich über fehlende Unterstützung durch das Publikum und zu knappen Applaus nicht beklagen. Letzterer war auch durchaus angebracht, denn sie haben nicht nur in Standard ihr hohes Können demonstriert, sondern auch in Latein schon nach kurzer Vorbereitungszeit eine beachtliche Leistung gezeigt. Die Stuttgarter kamen in Standard in vier Tänzen auf den dritten Platz, im Quickstep waren sie Boris und Madeleine unterlegen. Das hat sie wohl letztlich den dritten Platz gekostet, denn im abendlichen Lateinteil drehten Boris und Madeleine den Spieß um kamen in allen fünf Tänzen auf Platz 3. Michael Hull würdigt beide Paare in seinem Beitrag des Näheren. Beide Paare haben sich als gute Kombinierer auch deshalb erwiesen, weil sie nicht nur ein gutes Gesamtergebnis erzielt, sondern gleichwertig in Standard und Latein ganz vorne eine Rolle gespielt haben. Bei beiden war in keinem Tanz der Platz schlechter als 4. In den Platzziffern gibt es nach dem vierten Platz einen großen Abstand von 27,5 Punkten, die Fünften mussten auch siebte Plätze hinnehmen, für die Sechsten wurde auch ein elfter Platz verbucht.

Boris und Madeleine Rohne

Auch an der Spitze hat sich gegenüber der WM die Reihenfolge umgedreht. Die beiden vordersten Paare haben in allen Tänzen die Plätze 1 und 2 unter sich ausgemacht. Die im Amateurlager bis vor kurzem sehr erfolgreichen Russen Alexey Zakharin und Anastassia Novozhilova kamen auf Platz 2, die WM-Dritten Ronald Myrkin und Natalia Biedniagina aus der Ukraine sind die neuen 10-Tänze-Weltmeister.

Simon Reuter und Julia Niemann

Die umgestaltete Stadthalle Chemnitz und die routinierte organisatorische Vorbereitung durch die ADTV-Tanzschule Köhler-Schimmel boten beste Voraussetzungen für eine internationale Meisterschaft. In der Stadthalle hatte es bisher nur wie im Kino oder Theater Sitzreihen gegeben, jetzt sind um die Tanzfläche auch Tischreihen angeordnet, das schafft eine festlichere Atmosphäre. Altem Chemnitzer Brauch entsprechend war das Turnier, obwohl auch die Gäste Tanzgelegenheit hatten, in eine große Tanzshow eingebettet, die auch einen Überblick in die vielgestaltige Arbeit in den einzelnen Gruppen der Tanzschule bot. Sehr gelungen war auch Jürgen Schimmels Idee, sich die Moderation mit Sohn Thilo zu teilen, wie es sich schon seit einiger Zeit auch bei Fernsehmoderationen oder auch bei den GOC bewährt. Das lässt auch Raum für Kreativität und ermöglicht spontanen Humor. Zum Beispiel jene Überleitung zu einem Paso doble, die Jürgen Schimmel nach der bekannten Erläuterung des Stierkampfmotivs mit der Bemerkung abschloss: „Und wenn kein Stier zu finden ist: Hier steht ein Schimmel ….“

Falko Ritter

Die ersten Sechs:

1. Roman Myrkin / Natalia Biedniagina (Ukraine) (11)
2. Alexey Zakharin / Anastassia Novozhilova (Russland) (19)
3. Boris und Madeleine Rohne (Deutschland) (34)
4. Simon Reuter / Julia Niemann (Deutschland) (36)
5. Vitalii Rudenko / Iryna Levit (Israel) (63,5)
6. Fabrizio Cravero / Lorena Cravero (Italien) (75)

Wertungsrichter:

Michael Hull (Deutschland), Bruno Belousov (Russland), Ratna de Rijk (Niederlande), Francois Visele (Frankreich), Lynette Boyce (Großbritannien), Tony Irving (Schweden), Walter Szell-Aigner (Österreich), Anatoly Trilisky (Israel), Olena Lemishko (Ukraine)

Alle Fotos wurden freundlicher Weise von der Tanzschule Köhler-Schimmel, Chemnitz zur Verfügung gestellt

Michael Hull war so freundlich, uns über seine Eindrücke folgenden Beitrag zu schreiben:

Europameisterschaft 10 Tänze am 10. Oktober 2009 in Chemnitz

Mit viel Humor begeisterte uns immer wieder Herr Schimmel, der als Veranstalter durch das Programm der Veranstaltung geführt hat.

Vor kurzem waren die Weltmeisterschaften über die 10 Tänze in Kanada, und alle Paare hatten nach diesem Leistungshoch trotzdem einen sehr sportlichen Ehrgeiz, bei diesem Turnier in Chemnitz ihre Leistung nochmals zu präsentieren.

Für mich ist die Technique die mechanische Fähigkeit, eine Kunstform darzustellen. Auch die Kenntnis der Bewegungstechnik der modernen Standardtänze ist unabdingbar für ein intensives Begreifen der klassischen Tradition, und natürlich ist es umgekehrt ebenso, aber das Verständnis der Anatomie ist nach wie vor die Basis dafür, und trotzdem hatten einige Standardpaare Arme wie Kampfwerkzeuge. Die Qualität hat ihren Ursprung in der bestmöglichen Beherrschung der fundamentalen Prinzipien unserer komplizierten Sportart, deswegen war es für mich unverständlich, warum einige Paare, mit ihrer Kraft mal redlich bemüht gegen die Beweglichkeit sich selbst als Gegner im Wege standen.
Einige Paare nahmen sich beim Turnier wichtiger als das Vorgebrachte.
Kunst beginnt dort, wo das gemachte aufhört. Es gibt Möglichkeiten mit der Choreographie zu glänzen, aber die saubere Technique wird immer mit Qualität auf dem Weg nach vorne führen. Egal wie viel Kraft man in das hineinlegt, es wird nur für kurze Zeit Erfolg haben. Über diese Paare möchte ich mich nicht äußern.

Natalia Biedniagina und Roman Myrkin (Ukraine) gewannen mit einer durchweg sehr guten Leistung und Kondition die Europameisterschaft in den 10 Tänzen.

Denitsa Ikonomova und Christian Millette (Bulgarien) führten uns eine sehr angenehme spielerische Rhythmische Darstellung in den lateinamerikanischen Tänzen vor. Auch in den Standardtänze sah man, das es sich entwickelt, eine optimale Linie zu finden, um später einen Treppenplatz im Finale zu behaupten.

Bei Lorena und Fabrizio Cravero (Italien) fragte ich mich: Wer hat die Probleme – die Musik mit „denen“ oder wir mit ihr oder war es die Tyrannei des Taktes? Ich habe nichts gegen Rhythmusverzögerungen aber „aus dem Takt“ ist bei diesem Turnier fehl am Platz. Jeder Ton in der Musik hat das Recht gehört zu werden so, wie sich auch jede Bewegung Freiheit entwickeln und zeigen darf.

Julia Niemann und Simon Reuter (Deutschland): Ihr habt Stimmungen und Befindlichkeit des Tanzes in Eurer Körperhaltung sehr gut umgesetzt. Der Slowfox basiert auf natürlichen Gehbewegungen und ist der leichteste Standardtanz, wenn man gehen kann. Ihr habt uns die Leichtigkeit und Bewegungslehre des Standardtanzens vorgeführt. Simon spielte rhythmisch gerne mit den erforderlichen kontrollierten Spannungsmustern. Der Slowfoxtrott-Dreierschritt war an dem Abend einzigartig und eindeutig der Beste. Einer mit Schwung, der andere mit Erfahrung. Ihr beiden wart das Zweite. In den Lateinamerikanischen Tänzen war ich schon erstaunt welche Leistung von diesem Paar kam, aber im Finale fehlte die konsequente Kondition.

Madeleine und Boris Rohne (Deutschland). Zwei tolle Persönlichkeiten führten uns deutlich hervor, wie die Lehre vom körperlichen Ausdruck und Rhythmus im Tanz, besonders in Latein, sich vereinen kann. Ein beispielhafter Erfolg, der nicht zuletzt auf der außergewöhnlichen Leistung der beiden beruht. Gut motiviert und konditioniert bewältigten die beiden die Aufgabe, sich gut zu präsentieren, und es kam nicht nur beim Publikum gut an.

P.S. Es ist schade, dass Paare immer wieder kurzfristig absagen. Wie soll aber der Veranstalter weiterhin und in Zukunft das Vertrauen der empfindlichen Sponsoren finden?

Michael Hull

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