Bericht über die "Europa Meisterschaft Kür Standard 2009 " am 28. März 2009 in Freiburg

Gelungene Veranstaltung, Silbermedaille für Reuter / Niemann

Finale:
1. Fabrizio und Lorena Cravero (Italien)
2. Simon Reuter / Julia Niemann (Deutschland)
3. Alessandro Tataranni / Alla Kolobova (Russland)
4. Jernej Brenholc / Daniela Pekic (Slowenien)
5. Stefano Soldati / Annalisa Longo (Italien)
6. Pawel Sobieszek / Anna Bocian (Poland)
7. Ruslan und Olena Golovashchenko (Ukraine)

Es sind nicht sehr viele Ausrichter, die es im DPV immer wieder auf sich nehmen, für die tanzsportlichen Leistungen der Paare einen adäquaten Rahmen zu schaffen. Ein neuer ist dazu gekommen, nämlich die ADTV-Tanzschule Gennaro + Cristian in Freiburg. Diese beiden Tanzlehrer haben vor einigen Jahren eine Freiburger Tanzschule übernommen und sich jetzt erfolgreich erstmals um die Ausricȟtung eines größeren tanzsportlichen Ereignisses beworben. Alexander Cristian hat selbst Turnier getanzt. 2001 und 2002 war er zusammen mit seiner Frau Andrea, die damals noch Bego-Voeva hieß, Finalist der Deutschen Kürmeisterschaft Latein sowie 1999 und 2001 der Deutschen Meisterschaft Latein. Dieses Pilotprojekt, das auch gute Unterstützung durch die Stadt Freiburg und die örtliche Presse fand, wurde für ihn und seinen Tanzschulpartner Gaetano Gennaro zu einem vollen Erfolg. „Pilotprojekt“: Gespräche zwischen Tanzschule und Verband über künftige Turnierausrichtungen haben bereits begonnen.

Siegerehrung

Aber auch über den sportlichen Aspekt des Ereignisses gibt es Positives zu berichten:

Im Dezember 2007 haben Marcus Weiss und Isabel Edvardsson in Balingen den Titel der Europameister in der Standardkür nach Deutschland geholt. Seitdem war er vakant, denn sie haben an demselben Abend mit diesem Erfolg die Zeit des aktiven Tanzens beendet, 2008 hat keine Europameisterschaft in dieser Disziplin stattgefunden.

Der DPV hatte für die Europameisterschaft in zwei kürstarke Paare ins Rennen geschickt, nämlich die Deutschen Meister Simon Reuter und Julia Niemann sowie die Vizemeister Boris und Madeleine Rohne.

Das „Konzerthaus“ in Freiburg ist für Tanzturniere sehr gut geeignet

Schon bei der Kürprobe und in der ersten Runde, zu der 13 Paare angetreten waren, wurde deutlich, dass es nicht einfach werden würde, sich in dieser starken Konkurrenz durchzusetzen. Vor allem die Vizeeuropameister Ruslan und Olena Golovaschenko (Ukraine) und die weiteren damaligen italienischen Finalpaare Fabrizio und Lorena Cravero (Italien) gaben ein sehr gutes Bild ab. Erstmals nahmen auch Alessandro Tataranni und Alla Kolobova aus Russland an einer internationalen Kürmeisterschaft teil. Sie behaupten sich seit Jahren bei den „normalen“ Standardweltmeisterschaften recht weit vorn im Feld.

Das Resultat des elfpaarigen Semifinales war für Boris und Madeleine Rohne eine Enttäuschung. Mag sein, dass der Funke von ihrer Kür nicht ganz so gut übersprang wie bei den Deutschen Meisterschaften 2008 in Dresden und vor wenigen Wochen in Lengerich, aber mit dem 10. Platz sind sie wohl zu schlecht weggekommen. Vielleicht war es auch das Los des „zweiten Paares“ einer Nation, eine Erscheinung, die nicht nur im Kürtanzen zu beobachten ist. Drei Paare haben alle sieben Kreuze erhalten, nämlich die nach der Finalwertung vordere Dreiergruppe, zwei Paare, die dann im Finale die Plätze vier und fünf erreichten, bekamen fünf Kreuze. Die weiteren Semifinalpaare erhielten zwischen Null und drei Kreuzen. Den Regularien entsprechend wurden die zwei Paare mit
drei Kreuzen mit ins Finale genommen, unter Leistungs- und Wertungsgesicȟtspunkten hätte sich der Schnitt eher nach den vorderen fünf angeboten. Wenn von den 42 Kreuzen, die das Wertungsgericht im Semifinale insgesamt vergeben durfte, schon 31 an die vorderen fünf Paare gegangen sind, dann ist die Rangfolge auf den weiteren Plätze auch ein wenig Glückssache. Die im Semifinale Ausgeschiedenen lagen zwischen null und zwei Kreuzen. Ein Kreuz mehr, und unser zweites Paar hätte einen geteilten Finalanschlussplatz erreicht. Madeleine und Boris stecken solche Enttäuschungen, die jedes Turnierpaar kennt, übrigens mit einer beispielgebenden sportlichen Haltung weg.

Siegerehrung mit den Veranstaltern Alexander Cristian und Gaetano Gennaro (vorne rechts)

Die drei nach dem Semifinale vorderen Paare machten zunächst die Medaillenränge unter sich aus: Vier Einsen gingen an Fabrizio und Lorena Cravero und ihre Kür "a funny game", drei an Ruslan und Olena Golovashchenko („We have no idea about its title”). Die deutschen Meister kamen mit „Emotions“ klar auf Platz drei und hatten sich schon vorbereitet, mit der Bronzemedaille geehrt zu werden. Fast in letzter Sekunde musste jedoch für den Turnierleiter die Liste der Finalergebnisse ausgetauscht werden: Aufgrund einer Entscheidung der Invigilator Massimo Giorgianni und Alexander Zenkevich wurde das ukrainische Paar wegen Verstoßes gegen die Liftregeln disqualifiziert und erhielt den letzten Finalplatz, also Platz sieben. Die beiden Invigilator haben, wie sie anschließend sagten, das Paar schon bei der Kürprobe darauf aufmerksam gemacht, dass die Lifts ihrer Choreographie nicht regelgerecht seien. Das habe das Paar auch im Viertelfinale und im Semifinale beherzigt, jedoch nicht mehr im Finale. Eine harte Entscheidung, aber unumgänglich, wenn das Regelwerk nicht zur Farce werden soll.

Die Vizeeuropameister Julia Niemann und Simon Reuter (Deutschland)

Das führte dazu, dass Simon Reuter und Julia Niemann auf Platz zwei aufgerückt sind und Vizeeuropameister wurden, ein sehr guter Einstand also auch im internationalen Kürtanzen.
F. R.

Alle Fotos: Gregor Luschnat

Die Fotos hat uns freundlicherweise Gregor Luschnat (G.L. ART-PHOTOGRAPHY Freiburg i.B.) zur Verfügung gestellt.

Wir empfehlen einen Besuch seiner Seite www.Luschnat.ilovephotos.de .
Dort können auch Abzüge dieser und anderer Fotos bestellt werden.

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Heiko Kleibrink, selbst viele Jahre lang erfolgreicher Tänzer auch in der Standard Kür und in dieser Disziplin von 1997 bis 2003 einige Male WM-Finalist, hat uns folgenden Beitrag zur Verfügung gestellt: Back to the roots! Der Trend der Kür-Standard geht wieder ganz deutlich zurück Richtung Standardtanz. Das mag eigenartig oder gar komisch klingen, da eine Kür mindestens 70% der jeweiligen Turniertänze beinhalten muss. In den letzten Jahren sah die Praxis allerdings anders aus. Immer wieder schafften es auch Lateinpaare sich für internationale Kür-Standard Endrunden zu qualifizieren. Aufgrund deren mangelndes Verständnis für die Technik und Bewegungslehre der Standardtänze taten sie das, was sie am besten konnten: sie tanzten Latein! So gab es dann WM-Finalisten, die mit einer Paso Doble Kür Furore machten. Leider muss ich zugeben, dass diese lateinlastigen Küren häufig für das Publikum sicherlich sehr erfrischend wirkten. Doch die heutigen Standardpaare, die diese Disziplin sehr ernst nehmen, haben sich enorm entwickelt. Standardtanzen ist heute kein "boring dancing" mehr wie es einst Donny Burns im Scherz zu sagen pflegte. Die Standardtänze haben sich, meiner Meinung nach, in den letzten 10 Jahren sogar stärker entwickelt als die Lateintänze. Standardtanzen ist aufgrund seiner enormen Dynamik und raumgreifenden Bewegungen viel sportlicher geworden. Und auch in Sachen Performance hat sich einiges getan. Man experimentiert mit extremen Shapes und Neigungen und das nicht nur in der Kür. Aus dem englischen "Understatement" der 80er und 90er Jahre ist progressive Extrovertiertheit geworden. Der Frack, unser Relikt aus der Steinzeit, ist zumindest in der Kür dem Anzug oder der Weste gewichen. Wer heutzutage in ein EM und WM Kür-Finale möchte muss also ein sehr gutes Gesamtpaket anbieten. Show alleine ist nicht mehr gefragt. Nur wer das "moderne Standardtanzen" mit einer perfekten künstlerischen Darstellung verbinden kann hat echt Chancen auf einen Finalplatz.

Der SWR hat die Meisterschaft leicht zeitversetzt übertragen

Zum ersten Mal überhaupt starteten Simon Reuter und Julia Niemann für Deutschland bei einer Europameisterschaft. Bereits in den ersten Runden präsentierten sie ihre sehr gefühlvolle Kür "Emotions" mit einer enormen Souveränität. Tänzerisch konnten sie es mit jedem anderen Paar aufnehmen. Ihre weichen fließenden Bewegungen ließen Erinnerungen an die Baricchis wach werden. Mit allen möglichen Kreuzen zogen sie in ihr erstes EM-Finale. Das Los entschied, dass sie als erstes Paar im Finale auf das Parkett mussten. Ohne Anzeichen von Nervosität tanzten sie fehlerfrei und mit ungeheurer Leidenschaft.
Besonders Julia überzeugte mich an diesem Abend mit ihrer Ausstrahlung und ihrer perfekten Ergänzung zu Simon.

Durch eine Disqualifikation der zunächst zweitplatzierten Ukrainer wurden sie Vize-Europameister und mussten sich nur dem italienischen Geschwisterpaar Cravero geschlagen geben.

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