German Open Championships 2009

Ich gebe ja zu: Jedes Jahr steht hier, dass die GOC wieder ein voller Erfolg für den DPV waren. Aber es ist ja auch jedes Jahr die reine Wahrheit. Natürlich kann man nicht damit rechnen, dass lückenlos alle DPV-Paare nach Stuttgart fahren, so gesehen war die Zahl der deutschen Teilnehmer ordentlich bis erfreulich. Auch die Erfolge können sich sehen lassen. Doch der Reihe nach:

Dienstag, 18. August  -  WDC World Series Standard

40 Paare (2008: 38), davon 10 deutsche
4 Runden (40 - 24 - 13 - 6)

Finale:

1. Mirko Gozzoli / Alessia Betti (Italien)
2. Sascha und Natascha Karabey (Deutschland)
3. Paolo Bosco / Silvia Pitton (Italien)
4. Angelo Madonia / Edita Daniute (Litauen)
5. Evgeny Kazmirchuk / Julia Spesivtseva (Russland)
6. Gherman Mustuc / Iveta Lukosiute (USA)

Verdienter 2. Platz

In den Standardtänzen haben Sascha und Natascha Karabey ihre internationale Position nicht nur behauptet, sondern noch ausgebaut. Sie stießen auf stärkste Konkurrenz, u.a. in Gestalt der mehrmaligen Amateur- und Profiweltmeister Mirko Gozzoli / Alessia Betti und der Amateurweltmeister 2006 bis 2008 Paolo Bosco / Silvia Pitton. Aber sie tanzten von der ersten Runde an auf Angriff und stellten einen guten Kontakt zum Publikum her. Zweite Plätze in allen fünf Tänzen einschließlich Tango und Quickstep, die bisher nicht als ihre Domäne galten, und auch in der Schlussabrechnung waren der verdiente Lohn. Fünf Einsen waren übrigens auch dabei.

Als neues Standardpaar im Profilager machten Rüdiger Homm und Viktorija Triscuka auf sich aufmerksam. Rüdiger, im DTV noch bestens bekannt aus erfolgreichen Jahren vor allem mit Julia Belch, ist jetzt wie seine neue Partnerin Tanzsporttrainer bei Augusto Schiavo in Italien. Sie kamen auf Platz 14 und haben damit den Einzug ins Semifinale nur knapp verfehlt.

Ebenfalls eine Runde weiter und allesamt auf Plätze praktisch der oberen Hälfte kamen:

16.-18. Simon Reuter / Julia Niemann
16.-18. Michael Sörensen / Miriam Blume
22. Volker Schmidt / Ellen Jonas

Michael Sörensen und Miriam Blume haben, verglichen mit manchen früheren Turnieren durch eine sehr gute Leistung über beide Runden auf sich aufmerksam gemacht.

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Mittwoch, 19. August - Rising Stars Standard


21 Paare (2008: 24)
3 Runden (21 - 12 - 6)

Rüdiger Homm und Viktorija Triscuka, die schon am Vorabend mit dem Semifinalanschlussplatz gut abgeschnitten hatten, kamen ins Finale, hatten es dort insbesondere gegen das japanische Paar, das sehr gut gefallen konnte, nicht leicht, machten den deutschen Zuschauern aber die Freude, wieder einmal die eigene Nationalhymne hören zu können.

Rüdiger und Viktorija tanzen erst seit kurzer Zeit zusammen, erfreulicherweise für Deutschland. Rüdiger hat im Turnier Nerven wie Drahtseile, kleine Unstimmigkeiten übergeht er mit Gelassenheit, stets hat er den Überblick über die Fläche. Kurzum ein Paar, an dem wir noch unsere Freude haben werden.

Finale:

1. Rüdiger Homm / Viktorija Triscuka (Deutschland)
2. Hisashi Kawahara / Izumi Arai (Japan)
3. Daniele Gallaro / Kimberly Taylor (Großbritannien)
4. Blaz Pocajt / Katrina Patchett (Slowenien)
5. Lucasz und Aneta Pawlak (Polen)
6. Kristjan Kuusk / Anri Kokkonen (Finnland)

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Donnerstag, 20. August - Rising Stars Latein

38 Paare (2008: 39)
4 Runden (38 - 25 - 14 - 6)

Auch im Lateinturnier der Rising Stars verlief das Finale nicht ohne deutsche Beteiligung. Dafür sorgten Anton Ganopolsky und Natalija Magdalinova. Sie mussten lediglich dem früher als Amateur für Deutschland tanzenden Andrej Mosejcuk, der jetzt mit Kamila Kajak für Polen an den Start geht, den Vortritt lassen.

Das Semifinale haben in diesem Turnier Jürgen Schlegel und Melissa Ortiz-Gomez erreicht. Beide haben schon mit anderen Partnern getanzt: Jürgen war mit Ksenija Gorenc früher bei den Amateuren und dann auch einige Zeit bei den Professionals erfolgreich, Melissa kam mit Dennis Tischmacher im letzten Jahr bei den Rising Stars Latein auf Platz 3.

Finale:

1. Andrej Mosejcuk / Kamila Kajak (Polen)
2. Anton Ganopolsky / Nataliya Magdalinova (Deutschland)
3. Aleksandr Skarlato / Yulia Lesokhina (Russland)
4. Bruno Tomás / Joanna Santos (Portugal)
5. Katsuya Tateishi / Hiromi Tateishi (Japan)
6. Mitko Dimitrov / Pelagia Kalyva (Griechenland)

Semifinale:

11. Jürgen Schlegel und Melissa Ortiz-Gomez


Eine Runde weiter waren gekommen:

17. Rudi Grabon / Irene Moser
21. Sven Bikek / Valentina Ershova
24. Sergey Oladyshkin / Anastasia Weber

Rudi Grabon und Irene Moser hatten verletzungsbedingt längere Zeit pausiert und sich jetzt mit guter Leistung zurückgemeldet. Die beiden anderen Paare haben für den DPV ihr erstes Turnier getanzt.

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Freitag, 21. August - WDC World Series Latein

58 Paare (2008: 48)
5 Runden (58 – 36 – 25 – 15 – 5)

Unbestritten einer der absoluten Höhepunkte der GOC ist das Profiturnier World Series Latein. Obwohl es mehrere Absagen gab, war es mit 58 Paaren doch noch sehr gut besetzt. Für das mit 15 Paaren durchgeführte Semifinale haben sich sage und schreibe vier deutsche Paare qualifiziert. Mit Platz 12 erzielten Anton Ganopolsky und Natalija Magdalinova ein hervorragendes Ergebnis, das ihnen nicht zu Unrecht noch mehr bedeutete als die Tags zuvor ertanzte Silbermedaille bei den Rising Stars. Mit einer großartigen Leistung und dem Finalanschlussplatz 7 haben sich Jesper Birkehoj und Anna Kravchenko wohl endgültig im vorderen Teil des internationalen Lateinfeldes etabliert. Jesper macht es Freude, nicht weiterhin einen Meistertitel verteidigen zu müssen, sondern gegen neue Gegner auf Angriff zu tanzen, was ihm offenbar liegt.

Zwei weitere Paare tanzen sich ins Finale. Markus Homm, Bruder des Standardtänzers Rüdiger, zählt zusammen mit seiner Partnerin Ksenia Kasper seit seiner diesjährigen Finalteilnahme in Blackpool zur Weltspitze und hat mit Platz 4 die in ihn gesetzten Erwartungen voll erfüllt.

Über die GOC-Teilnahme von Franco Formica und Oxana Lebedev, die im letzten Jahr in Stuttgart nicht am Start waren, hat sich das Publikum gefreut und hat das auch mit viel Applaus bekundet. Viele hatten gehofft, dass es vor heimischem Publikum zu einem Zweikampf mit Riccardo Cocchi / Yulia Zargouychenko kommen würde, denn nur noch dieses Paar und die Weltmeister Malitowski / Leunis liegen derzeit auf der Weltrangliste vor den Deutschen.

Knapp Silber verfehlt:

Franco und Oksana wurden denn auch von zwei Wertungsrichtern auf den ersten Platz gesetzt, aber die große Mehrheit der Wertungsrichter wollte es anders. Sie mussten sogar noch, was bei den Zuschauern durchaus nicht auf einhellige Zustimmung stieß, die Russen Sergey Surkov / Melia in vier Tänzen an sich vorbeilassen. Dieser schon Monate währende Zweikampf macht die Sache im vordersten Teil des internationalen Feldes spannend. Zuletzt, nämlich bei der Europameisterschaft in Aarhus und in Blackpool lagen Franco und Oxana vorn, dass es gerade in Deutschland bei den GOC anders ausging war bedauerlich und für viele auch nicht nachvollziehbar. Eng genug war es: Bei den Wertungen 1 bis 2 haben zwar die Russen leicht besser (32:27) abgeschnitten, schon wenige anders vergebene Zweien hätten das Ergebnis also umgedreht, andererseits wurden für Franco und Oxana immerhin elf Einsen gegeben, für die Russen nur vier. Schade war es übrigens, dass sich Riccardo Cocchi wiederholt dazu hinreißen ließ, Franco Formica auf der Fläche erkennbar absichtlich zu behindern. Ein Lateintänzer von Weltformat sollte Derartiges nicht nötig haben.

Evgenij Voznyuk und Oksana Nikiforova standen zwar auf der Startliste, waren auch am Mittwoch in Stuttgart zu sehen, haben sich dann aber doch zu einer Absage entschlossen, weil sie für ihre neuen Programme doch noch etwas mehr Zeit brauchen.

Finale:

1. Riccardo Cocchi / Yulia Zargouychenko (USA)
2. Sergey Surkov / Melia (Russland)
3. Franco Formica / Oxana Lebedev (Deutschland)
4. Markus Homm / Ksenia Kasper (Deutschland)

5. Emanuele Soldi / Elisa Nasato (Italien)
6. Rachid Malki / Anna Suprun (Norwegen)

im Semifinale:

7. Jesper Birkehoj / Anna Kravchenko
12. Anton Ganopolsky / Nataliya Magdalinova


Insgesamt hat der DPV mit seiner Medaillenausbeute innerhalb der deutschen Teilnehmer ein überdurchschnittlich gutes Ergebnis erzielt: Von acht Gold-, sechs Silber- und fünf
Bronzemedaillen (bei insgesamt 33 Wettkämpfen) für deutsche Teilnehmer gehen alleine eine goldene, zwei silberne und eine bronzene auf das Konto des DPV (bei vier Wettkämpfen). Insgesamt belegte Deutschland im Medaillenspiegel - wie im Vorjahr - hinter Russland Rang 2.

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Wertungsrichter:

Bryan Allan (Großbritannien), René Barsi (Frankreich), Karl Breuer (Deutschland), Donnie Burns MBE (Schottland), Nicole Burns-Hansen (Schottland), Gaynor Fairweather MBE (Großbritannien), Alan Fletcher (Großbritannien), Massimo Giorgianni (Italien), Patrick Johnson (USA), Ralf Lepehne (Deutschland), Stanislav Popov (Russland)

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Einige persönliche Anmerkungen:

Nicht speziell auf die vier Profiturniere, sondern auf die gesamten GOC bezogen muss man feststellen, dass das Publikum sehr begeisterungsfähig ist. An Standing Ovations, früher nur ganz außergewöhnlichen Leistungen vorbehalten, wird eigentlich nicht gespart, diese besondere Form der Ehrung wird dadurch fast ein wenig entwertet, aber letztlich lässt sich natürlich nichts dagegen sagen. Die Begeisterung - nicht ausnahmlos aller, aber von der Geräuschkulisse her gesehen doch sehr vieler - gilt aber auch oft dem Klamauk. Das Publikum, das bei einer Rückwärtigen Welle applaudiert, ist das nicht. Oliver Wessel-Therhorn hat über dieses Problem einen Kommentar geschrieben (siehe weiter unten).

Es scheint auch einen Sympathiebonus für ausländische Paare zu geben. Natürlich soll in einem guten Gastgeberland einem Paar einer anderen Nation der gebührende Applaus nicht versagt bleiben. Wer aber hin und wieder mit deutschen Paaren im Ausland ist, weiß: Da geht es ein bisschen anders zu. So entsteht dann eine Schieflage.

Der Verzicht auf die offene Wertung ist ein Manko. Das Publikum will mehrheitlich die offene Wertung. Wenn es im Finale eng wird, tobt der Saal. Man stelle sich vor, bei den gleichzeitig in Berlin stattfindenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften würden beim Stabhochsprung die erreichten Höhen nicht angezeigt. Das Publikum würde sein Geld zurückfordern, und das mit Recht.

In der Aufarbeitung der GOC in Internetforen u.ä. tritt immer stärker eine Betrachtungsweise zutage, die nicht sachgerecht ist: „Das Paar XY habe ich schon besser gesehen.“ Das ist dann falsch, wenn es auf die Wertung des konkreten Turniers bezogen wird: Es gibt keinen Bonus dafür, dass man besser war als bisher, es gibt keinen Malus, wenn man nicht so gut war als bisher. Der Vergleich mit den anderen Paaren zählt, nicht der „mit sich selbst früher“.

Falko Ritter


Tanzsport – Quo Vadis?

Es hätte ja ein schöner tanzsportlicher Abend werden können am Dienstag bei der GOC 2009. Es waren sehr gute Paare am Start, der Tanzsportfan kam also auf seine Kosten. Warum ist dieser Dienstagabend dann immer dem ein oder anderen Paar Anlass für einen billigen Zirkus?

Was war passiert? Offensichtlich reichte zwei Paaren der Applaus, der vom Publikum gespendet wurde, nicht aus. Also folgte der verbreitete Griff in die Unratskiste. Während des Quicksteps der 24er- Runde lösten diese zwei Paare ihre Tanzhaltung, rannten umeinander herum (kennen wir alle: dreh’ Dich nicht um, denn der Plumpssack geht herum) um einige Sekunden später ihren Quickstep fortzusetzen.

Nun kennen wir alle derartige GOC-Momente, die aus Notsituationen entstehen können. Schon bei gewagten Ausweichmanövern sind hier besondere, teils auch ungewöhnliche oder auch komische Momente entstanden. Originalität ist hier oft an der Tagesordnung. Hier gab es diese Notsituation aber gar nicht. Hier ging es lediglich darum, den Tanz zu unterbrechen, um eine gar nicht mal so gute Zirkusnummer vorzuführen. Die Paare lagen mit ihrer Vermutung richtig: Das GOC-Publikum oder zumindest Teile davon begannen zu lachen und zu schreien. Bingo! Das spornte unsere zwei Top-Paare an und sie ließen es sich nicht nehmen, sich noch ein zweites Mal auf dieses Niveau herabzulassen und auch hier ließ sie das Publikum nicht im Stich.

Dieselben Paare würden derartige Billigeinlagen in England oder auch in anderen Teilen der Welt niemals bringen. Sind wir in Deutschland als Publikum so anspruchslos oder so leicht zu blenden? Verstehen wir wirklich so wenig von Qualität, dass wir in Bewegung umgesetzte Dummheit bejubeln? Eines der beiden Paare registrierte, Gottseidank, sofort, dass dies kaum ein vorbildliches Verhalten eines Champions ist und entschädigte im Semifinale mit einem Basic Quickstep. Das Wertungsgericht ließ sich zum Wohle des Tanzsports von dem Vorfall nicht einfangen und blieb der Aufgabe treu, die Qualität der Paare sachlich miteinander zu vergleichen und nicht nur auf die Lautstärke des Publikums zu reagieren.

In derselben Woche konnten wir dasselbe Phänomen im Finale des Grand Slam Turniers erleben. Teilweise stehende Ovationen für ein Paar, das mit hoher Geschwindigkeit seinen Solo Quickstep vorführte: so hoch, das es diese Geschwindigkeit nicht im Griff hatte und so hoch, dass das Orchester mit diesem Paar nicht mithalten konnte!! Teilweise wirkte es, als ob ein Papagei sich in einen Ventilator verflogen hätte. Aber auch das war eine
Billigvorstellung, die von Teilen des Publikums mit demselben Theater begleitet wurde.
Hoffen wir zur Erhaltung unseres Sports immer und überall auf weise Wertungsgerichte, die sich nicht zu Handlangern der Schmierenkomödianten machen lassen.

Oliver Wessel-Therhorn

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