Bericht über die "Deutsche Meisterschaft Kür 2010" am 10. April 2010 in Hannover

Neue Kürpaare, auch an der Spitze!

Die Kür ist in nationalen DPV-Turnieren der sechste Tanz, DPV-Paare müssen also eine Kür parat haben. Nicht alle wollen aber auch an reinen Kürturnieren teilnehmen. Erfreulicherweise haben nun auch einige der recht zahlreichen Paare, die in der letzten Zeit ins Profilager übergewechselt sind, diese Absicht. Sechs Standardpaare statt vier wie im Vorjahr, acht Lateinpaare statt sieben, damit konnte mehr als ausgeglichen werden, dass einige Paare mit dem aktiven Tanzen aufgehört haben.

Schaut man sich die Ergebnislisten an, kommt einem die Methode „Reißverschluss“ an den Autobahnbaustellen in den Sinn. Die Profineulinge - man kann ja derzeit fast von ein einem Zustrom sprechen - sind durchaus nicht nur in der zweiten Hälfte des Feldes zu finden, viele sprechen schon von Anfang an ganz vorn ein Wort mit, einige sind auf Anhieb auf den Siegertreppchen zu finden. Das ist gut so, Sich-Hochdienen-Müssen würde dem Reglement und auch dem Sportsgeist widersprechen. Beispielsweise Jurij und Aleksandra Kaiser aus Hamburg: Im Herbst des vergangenen Jahres hatten sie bei der Deutschen 10-Tänze-Meisterschaft beide Endrunden erreicht und insgesamt den zweiten Platz belegt, und auch jetzt in Hannover kamen sie in beiden Turnieren klar ins Finale. Für beide Küren ließen sie sich von Michael Jackson inspirieren, das Publikum war sehr angetan.

Für das Finale der Standardkür hatten sich drei weitere Paare qualifiziert. Dazu zählten auch Felix Schäfer und Nina Ciechowski aus Berlin, die im letzten Jahr gleich nach dem Wechsel ins Profilager das Finale der Deutschen Standardmeisterschaft erreicht haben und jetzt mit ihrer Kür „Ritornare“ sogar mit Platz 3 auf dem Siegertreppchen standen.

Extrem knapp ging es zu beim Kampf um den Sieg: Einerseits waren die Vorjahreszweiten Boris und Madeleine Rohne nicht am Start, andererseits hatten Oliver Thalheim und Tina Spiesbach, die letztes Jahr mit der Kür pausiert hatten, zusammen mit William Pino ihre Kür „Era gia tutto previsto“ („Das hat man alles kommen sehen“) überarbeitet. Das machte die Sache für Simon Reuter und Julia Niemann, die ihre erfolgreiche Kür „Emotions“ wiederum überzeugend vorgetragen haben, nicht leicht. Am Ende kam praktisch Punktgleichheit heraus: Wertungsrichter Asis Khadjeh-Nouri hatte sowohl Reuter/Niemann als auch Thalheim/Spiesbach mit 5,9/5,9 gleich bewertet. Für diesen Fall schreibt die Turnier- und Sportordnung des DPV (26.2) vor, dass sich der Wertungsrichter über seine Platzvergabe entscheiden muss. Das geschah zugunsten der Titelverteidiger. Dass ein Meistertitel mit knappem Ergebnis errungen wird, schmälert seinen Wert nicht, und Konkurrenz belebt das Geschäft.

Für Spannung sorgte erst recht die Zusammensetzung des Finales der Lateinkür: Die Deutschen Meister der Jahre 2006 bis 2008 Stefan Erdmann und Sarah Latton waren im vergangenen Jahr nicht am Start, Federico Slemties und Stephanie Thoms hatten in Hannover die Rolle der Lokalmatadore, Jesper Birkehoj und Anna Kravchenko gehören dem Profilager zwar schon einige Zeit an, haben sich aber erst jetzt entschlossen, auch reine Kürturniere zu tanzen, und schließlich war man auf Sergiy Plyuta und Debbie Seefeldt gespannt, ein sozusagen nagelneues Profipaar, Platz 14 der letzten Deutschen Amateur-Meisterschaft Latein immerhin. Debbie ist übrigens die Schwester von Oliver, der viele Jahre im DPV sehr erfolgreich getanzt hat.

Nicht ganz einig war sich das Wertungsgericht über Slemties/Thoms. Sie wurden auf Plätze von 2 bis 5 gewertet, das ergab letztlich den vierten Platz. In der B-Note bekamen sie u.a. eine 6,0, davon waren es vor einem Jahr sogar einige mehr. Und in der Tat: Die Choreographie „Now“ ist einfallsreich und phantasievoll, weist hohe Schwierigkeitsgrade auf, die problemlos beherrscht werden, und man schaut gerne zu. Aber wenn Kritiker behaupten, dass dieser Einfallsreichtum manchmal zu Lasten erkennbarer Lateincharakteristik geht, wird man nicht widersprechen können. So kommen dann eben Wertungsdiskrepanzen zustande, mit denen das Paar mit dieser Kür immer wieder wird rechnen müssen. Oder auch nicht, eine neue Kür ist, wie man hört, in Arbeit.

Solche Vorbehalte gibt es bei den Küren der drei Erstplatzierten nicht. Für Sergiy Plyuta und Debbie Seefeldt war diese Deutsche Meisterschaft das erste Profiturnier. Schon bei der Abnahme der Küren durch den Invigilator am Nachmittag wurde klar, dass sich dieses Paar auf einen guten Platz würde einrichten können. Ihre Kür zur Musik von Il Divo „Mama thank you for who I am“ überzeugte, die Wertungen gingen von 5,7 bis 5,9, neben vier dritten und zwei vierten Plätzen war auch ein zweiter dabei. In derselben Bandbreite lagen die Wertungen für die Kür „Art of Rhythm“ für Stefan Erdmann und Sarah Latton, wenngleich mit insgesamt positiverer Tendenz. Das Paar konnte im letzten Jahr aus familiären Gründen nicht an den Start gehen, mit fünf zweiten Plätzen haben sie sich wieder eindrucksvoll zurückgemeldet.

Die Kürdisziplin wird aufgewertet, wenn sich ihr auch Paare aus den vorderen Rängen der „normalen“ Turniere widmen. So gesehen könnte auch die Beteiligung von Jesper Birkehoj und Anastasija Kravchenko für viele andere Paare das richtige Signal sein. Sie bekamen für ihre Kür nach der Musik „And all that Jazz“ (aus dem Film Chicago mit Richard Gere und Catherine Zeta-Jones) sechsmal 5,9 und achtmal 6,0. Klarer geht es kaum, und verdient war es allemal.

Wieder einmal einige Anmerkungen:

Die offizielle Bezeichnung im Weltverband WDC für diese Disziplin lautet „Southamerican Showdance“. Offenbar gibt es unterschiedliche (vielleicht jeweils legitime) Auffassungen darüber, ob der Akzent auf „Showdance“ oder - der deutschen Bezeichnung folgend - auf „lateinamerikanisch“ liegen sollte. Erfreulich wäre es, wenn in diesem Punkt von denen, die sich berufen fühlen, für etwas mehr Klarheit gesorgt würde. Eine eindrucksvolle „Nagelprobe“ ist es, beim Abspielen der Aufzeichnungen der Küren den Ton abzuschalten. Da kann man ggf. auch „stumm“ Latein erkennen. Aber halt nicht immer ...

Bei manchen neuen Küren kommt man mit extravaganter Musik, wenn man sie im Finale das zweite Mal hört, schon etwas besser zurecht als das erste Mal. Das macht aber die Sache riskant: Der Freund klassischer Musik kann sich Zeit lassen, bis er sich z.B. mit einer Sonate von Brahms, die er auf einer CD hat, anfreunden kann. Bei Kürturnieren ist das anders: Sie sind selten, ein Wertungsrichter wird eine bestimmte Kür vielleicht nur ein einziges Mal zu bewerten haben. Da muss die Musik den Zuschauer auf Anhieb ansprechen. Wird nach dem Turnier eine Musik als „schwierig“ oder „eigenwillig“ bezeichnet, ist sie der Akzeptanz der Kür im Wege gewesen. Natürlich darf es auch kein irgendwann nervender Gassenhauer sein wie 1996 Macarena von Los del Rio. Für mich ein positives Beispiel in diesem Turnier: „Mama thank you for who I am“.

Der Kuppelsaal des Hannover Congress Centrums ist ein Veranstaltungsort, in dem schon einige Kapitel Tanzsportgeschichte geschrieben wurden. Es ist schön, dass diese Turnierstätte von dem ADTV-Tanzlehrer Jens Kressler, der zusammen mit seinem Kollegen Horst Misch die Crea Dance Nord Gala ausgerichtet hat, für den Tanzsport wieder aktiviert wurde. Der Abend war hervorragend organisiert, es wäre schön, wenn in nicht zu ferner Zukunft erneut von dort berichtet werden könnte.

F.R.


Standard:

Finale:

1. Simon Reuter / Julia Niemann (Stuttgart)
2. Oliver Thalheim / Tina Spiesbach (Leipzig)
3. Felix Schäfer / Nina Ciechowski (Berlin)
4. Jurij und Aleksandra Kaiser (Hamburg)

Semifinale:

5. Mario Schiena / Sabine Sommer (Leverkusen)
6. Marc Hotfilder / Heike Macke (Münster)

Latein:

Finale:

1. Jesper Birkehoj / Anastasiya Kravchenko (Karlsruhe)
2. Stefan Erdmann / Sarah Latton (Köln)
3. Sergiy Plyuta / Debbie Seefeldt (Hamburg)
4. Federico Slemties / Stephanie Thoms (Hannover)
5. Jurij und Aleksandra Kaiser (Hamburg)

Semifinale:

6.-7. Sergey Oladyshkin / Anastasia Weber (Stuttgart)
6.-7. Stefan Heinrich / Manuela-Agata Brychzy (Berlin)
8. Marcus Schäfer / Nadine Helena Hoffmann (Düsseldorf)

Wertungsrichter:

Peter Hölters (Mönchengladbach)
Asis Khadjeh-Nouri (Hamburg)
Giselle Keppel (Köln)
Manfred Kober (Rheda-Wiedenbrück)
Janet Marmulla (Berlin)
Monika Niederreiter (München)
Ute Streicher (Vörstetten)

Galerie