Deutsche Meisterschaft Standard 2010 - 13.10.2010 Radolfzell

Deutsche Meisterschaft Standard – trotzdem ...

In den Morgenstunden des Turniertages hatten wir es erfahren, dass Oliver Wessel-Therhorn verstorben ist, die Funktionäre zuerst, dann nach und nach auch die Paare. Den meisten ging der Gedanke durch den Kopf, ob man das Turnier absagen solle, aber von dieser nicht fern liegenden Überlegung kam man wieder ab: In Radolfzell warteten zahlreiche Ballgäste auf einen schönen Abend, und auch Oliver, dessen waren wir uns sicher, hätte eine Absage nicht gewollt. Und so fand sie denn statt, die Deutsche Standardmeisterschaft 2010 der Professionals, und folglich soll auch berichtet werden.

Die Veranstaltung war von der ADTV-Tanzschule Christian Seidel hervorragend vorbereitet und organisiert worden. Die Zusammenarbeit zwischen den DPV-Funktionären und der Turnierleiterin Daniela Seidel - ihr gebührt ein besonderes Lob - hat reibungslos geklappt.

Lebhafte Paarfluktuation seit der letzten Deutschen Meisterschaft hatte das Starterfeld deutlich verändert, einige Absagen aus verschiedenen Gründen kamen hinzu. Ein wenig Statistik: Von den elf Paaren des Vorjahres waren nur fünf am Start, sechs Neue sind dazugekommen, für einige von ihnen war es nicht nur ihre erste Deutsche Profimeisterschaft, sondern sogar ihr erstes Profiturnier. Auch dieses Mal wieder die Feststellung, die allmählich wie Routine wirkt: Es versprach spannend zu werden.

Das bezieht sich nicht auf den Meistertitel. Er ging zum vierten Mal an Sascha und Natascha Karabey, bei niemandem konnte es auch nur den Hauch eines Zweifels geben. Sie erhielten ausnahmslos Einsen und nur erste Plätze in der Kür. Für die nächsten Medaillenränge boten sich zwei Paare an, die schon einige Zeit Profis sind, nämlich Rüdiger Homm/Victorija Triscuka sowie Oliver und Jasmin Rehder, aber auch zwei weitere, für die diese Deutsche Meisterschaft das erstes Profiturnier überhaupt war, Adrian Klisan/Johanna Elisabeth Hahn und Christoph Kies/Blanca Ribas Turon. Diesen beiden Paaren fiel also in den Prognoserechnungen die Rolle der Unbekannten zu.

Schon bei dem Turnier in Chemnitz im September waren einige Zweien an Oliver und Jasmin gegangen, ein Warnsignal für Rüdiger und Viktorija dahingehend, dass man nicht nur an Angriff, sondern auch an Verteidigung denken muss. Dieses Mal ergab die Ausrechnung einen Vorsprung für Oliver und Jasmin, der zwar knapp war, aber für den zweiten Platz ausreichte: Waltz und Tango gingen in diesem Zweikampf noch an Rüdiger und Viktorija, ebenso am Ende auch die Kür, die drei übrigen Tänze konnten aber Oliver und Jasmin für sich verbuchen. Den rechnerischen Ausschlag gab der Quickstep, in dem Rüdiger und Viktorija auch das letztlich viertplatzierte Paar an sich vorbeiziehen lassen mussten. Rüdiger tanzt eine anspruchsvolle Choreographie, die aber eine gewisse Durchgängigkeit verlangt. An letzterer fehlte es hin und wieder.

Dass es das erste Profiturnier für ihn war, hat Adrian Klisan nicht beeinträchtigt. Er hat unbekümmert und mit Freude am Tanzen gut balanciert vor allem die Musik interpretiert und nie den Überblick über die Fläche verloren. Ein Paar, dem auch das Publikum gerne zugeschaut hat. Gute Leistung war auch angesagt. Sie hatten immerhin Christoph Kies und Blanca Ribas Turon im Nacken, die bei den Amateuren dreimal Kombi-Weltmeister waren und 2008 bei ihrer letzten Standard-DM der Amateure vor ihrer Pause auf Platz 4 lagen. Das zeigt, dass man etwas kann. Tanzen kann man - wie Radfahren - nicht verlernen. Von all dem schien Christoph nicht so restlos überzeugt zu sein. Kurzum: Mit der ihnen zustehenden Zuversicht werden die beiden auch bei den Profis ihren Weg machen.

Auch die Sechstplatzierten des Vorjahres, Felix Schäfer/Nina Ciechowski, hatten einen Konkurrenten um den rechnerisch noch freien Platz im Finale, nämlich ihre Berliner Landsleute Alexander Einfinger und Juliane Strehmann. Felix und Nina lagen nach dem Semifinalergebnis mit 56:54 knapp vorn. Zwei Punkte für Alexander und Juliane mehr, und wir hätten eine siebenpaarige Endrunde gehabt. Das hätte dem Semifinalergebnis gut entsprochen, denn zu den nächsten Paaren bestand ein sehr deutlicher Abstand.

Drei Elemente kommen beim Publikum besonders gut an: Das ist die Basicrunde, in der sich gerade das Tanzschulpublikum davon überzeugen kann, dass es weniger auf das "was" als mehr auf das "wie" ankommt, das ist die Runde der Solotänze, für das ein Publikum, das insgesamt ausreichend selbst zum Tanzen kommt, gerne die erforderlichen zehn Minuten opfert, und das ist die Kürrunde. Hier war es auch dieses Mal wieder erstaunlich, wie schnell und gut auch neue Profipaare dieser zusätzlichen Anforderung entsprechen. Auch hier wurden für viele wieder Erinnerungen wach: Einige Choreographien hatte Oliver Wessel-Therhorn noch in den letzten Wochen seines Lebens mit den Paaren erarbeitet.

Im Rahmen des anschließenden Beisammenseins hat Sascha Karabey, vor allem für die Paare sprechend, in einer anrührenden kurzen Ansprache des Verstorbenen gedacht und die Dankbarkeit der Paare zum Ausdruck gebracht.

Falko Ritter



Finale:

1. Sascha und Natascha Karabey, Bad Homburg (6)
2. Oliver und Jasmin Rehder, Köln (15)
3. Rüdiger Homm / Viktorija Triscuka, Nürnberg (16)
4. Adrian Klisan / Johanna-Elisabeth Hahn, Wetzlar (23)
5. Christoph Kies / Blanca Ribas Turón, Dresden (30)
6. Felix Schäfer / Nina Ciechowski, Berlin (36)

Wertungsrichter:

A Gerwin Biedermann, Elmshorn
B Heiko Kleibrink, Köln
C Diethard Marschall, Berlin
D Petra Matschullat-Horn, Köln
E Kerstin Stettner, Dormitz
F Marcus Weiss, Braunschweig
G Anne-Lore Zimmermann, Freilassing

Fotos: Franziska Streffing.
Franziska Streffing ist Studentin. Sie schreibt ihre Diplomarbeit im Fach Fotografie und Medien auf dem Gebiet "Tanzsportfotografie". Diese Idee hat uns gut gefallen, wir haben sie deshalb ein wenig betreut.

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