Europameisterschaft 10 Tänze der Professionals 17.04.10 - Siegen

Trotz Eyjafjallajökull fast alle da

Im März und April hatten die Professionals des deutschen Tanzsports einschließlich ihrer Funktionäre über Langeweile nicht zu klagen. Nach zwei Deutschen Meisterschaften wurde die Reihe wichtiger Ereignisse auf deutschem Boden jetzt abgeschlossen durch die Europameisterschaft über 10 Tänze, deren Ausrichtung die ADTV-Tanzschule Tuppeck in Siegen übernommen hatte.

In der Nacht davor war man gespannt: Wie würde sich die in Island durch einen Vulkanausbruch entstandene Aschewolke auf die Reisemöglichkeiten der Paare und Wertungsrichter auswirken? Würde vielleicht die Meisterschaft abgesagt werden müssen? Keine Rede davon: Viele, bei denen das halbwegs ging, hatten sich noch zuletzt für das Auto entschieden, manche hatten Umwege und Strapazen (10 Stunden Bahn im Stehen war der Rekord) auf sich genommen, um den Turnierort doch noch zu erreichen. Bei 16 erschienenen von 20 ursprünglich gemeldeten Paaren war die Fehlquote dann letztlich nicht größer als sonst auch. Bei den Wertungsrichtern musste nur ein anwesender Lizenzträger einspringen, damit statt der geplanten neun dann doch sieben ihres Amtes walten konnten.

Von den Vorjahresfinalisten hatten schon einige Zeit vor dem Turnier die italienischen Geschwister Fabrizio und Lorena Cravero (damals: 6. Platz) abgesagt, letztlich fehlten dann auch ihre Landsleute Domenico Cannizzaro / Agnese Junkure, 2009 Europacupgewinner in der Kombination bei den Amateuren. In diesen tanzsportpolitisch turbulenten Zeiten gibt natürlich Derartiges zu - manchmal ja auch verfehlten - Spekulationen über die Ursachen des Fernbleibens Anlass. Aus dem Vorjahresfinale ebenfalls nicht am Start waren die dort Fünftplatzierten Vitalii Rudenko / Iryna Levit aus Israel, die seit dieser EM 2009 kein Turnier mehr getanzt haben.

Neu dazugekommen waren Eldar Jafarov / Anna Sazhina, die für Aserbaidschan tanzen. (Bei dancesportinfo werden sie Dzhafarov / Sazina geschrieben.) Sie haben 2009 in Hong Kong in der WDC Amateur League die Weltmeisterschaft gewonnen und zählten auch deshalb zusammen mit den Paaren, die 2009 auf die Plätze 1 bis 4 gekommen waren, zu den Favoriten.

Die Analyse der auf der Seite „Wertungen“ wiedergegebenen Resultate zeigt: Unsere beiden deutschen Paare haben ihre Position behauptet. Statt der Plätze 3 und 4 mussten sie die Plätze 4 und 5 nur deshalb hinnehmen, weil das Paar aus Aserbaidschan dazu gekommen war und Platz 3 erreicht hat. Im internen Zweikampf hatten dieses Mal wieder Simon Reuter und Julia ein bisschen mehr Fortune, so dass sie mit einem sehr knappen Abstand vor Boris und Madeleine Rohne abschlossen. Auch die besondere 10-Tänze-Arithmetik verhalf den Stuttgartern zum besseren Platz: Im internen Vergleich lagen Boris und Madeleine in sechs Tänzen vor Simon und Julia, gerade in den 10 Tänzen kann sich aber unerwartet auswirken, ob und wie sich Paare „dazwischen schieben“.

Diese Rechenübungen sind aber eigentlich müßig. Die letzten Turniere zeigen, dass diese beiden Paare in der 10-Tänze-Disziplin im Grunde gleichwertig sind, das eine hat seine besonderen Stärken in den Standardtänzen, das andere in den Lateintänzen. Beide haben insgesamt, besonders aber in der jeweiligen Paradesektion, ein hervorragendes Turnier getanzt, beispielsweise haben beide auch Zweien bekommen. Ob der Rechenstift dann einmal dieses oder einmal jenes ausrechnet, sollte die Freude gerade auch der beiden Paare selbst nicht schmälern. Sie gehören beide der 10-Tänze-Weltspitze an.

Die beiden ersten Plätze gingen verdient an die Weltmeister und Vizeweltmeister des letzten Jahres, auf die Plätze 6 und 7 sind die Inhaber der Plätze 7 und 8 des Vorjahres aufgerückt.

Den Turnierbesuchern wurde ein von der ADTV-Tanzschule Tuppeck gut organisiertes Programm geboten. Beispielsweise stellte die erfolgreiche Standardformation des Braunschweiger TSC - sie hat die Rangliste der Saison 2009/2010 mit allen gewonnenen Turnieren auf Platz 1 abgeschlossen - eine gute Ergänzung zum Turnierprogramm dar.

Das Reglement eines 10-Tänze-Turniers der Professionals erschließt sich dem Zuschauer nicht so ohne weiteres: Im Grunde handelt es sich für die Ausrechnung um 10 einzelne Turniere: Für jedes wird die Zusammensetzung der jeweils nächsten Runde separat ermittelt, sie muss in den Semifinal- und Finalrunden also nicht identisch sein, auch die Zahl der Paare kann variieren. Das Gesamtergebnis entsteht dann durch eine einfache Addition der zehn erreichten Plätze. Das Verfahren ist also fast dasselbe „wie in Blackpool“, allerdings werden nicht wie dort die Ergebnisse der einzelnen Tänze wie einzelne Turnierergebnisse veröffentlicht.

Irreführend ist es natürlich, wenn man in Ergebnislisten für das gesamte Turnier zum Beispiel ein sechspaariges Finale darstellt, denn manchmal waren auch mehr als sechs Paare in der Endrunde, auch müssen nicht alle in jedem Finale gewesen sein. Ob der gewaltige protokollarische Mehraufwand durch einen höheren Gerechtigkeitswert der Ergebnisse gerechtfertigt wird, darf man bezweifeln. Auch bei einer Abwicklung nach der „Amateurmethode“ wären mit Sicherheit dieselben Paare nach vorn gekommen. Und ob ein Paar ein solches Turnier mit dem 12. oder dem 13. Platz abschließt, ist eigentlich nicht einmal für das Paar selbst von besonderer Aussagekraft.

Falko Ritter



Ergebnis:

1. Roman Myrkin / Natalia Biedniagina (Ukraine) (15)
2. Alexei Zakharin / Anastasia Novozhilova (Russland) (25)
3. Eldar Jafarov / Anna Sazhina (Aserbaidschan) (31)
4. Simon Reuter / Julia Niemann (Deutschland) (43,5)
5. Boris und Madeleine Rohne (Deutschland) (45)

6. Jerney Brenholc / Daniela Pekic (Slowenien) (52,5)
7. Barry Winters / Holly Woolcott (Großbritannien) (73)
8. Michael Olesen / Katrine Bonde (Dänemark) (87)
9. Oleg Kurianov / Natalia Popova (Russland) (99,5)
10. Kiril Pandov / Sandra Gavala (Bulgarien) (100)
11. Joost Offermans / Deborah Warmer (Niederlande) (105)
12. Isao Wolvekamp / Shirley Benton (Niederlande) (117)
13. Miloslav Halienka / Monika Slysková (Slowakei) (128,5)
14. Peter Chen / Ursula Robl (Österreich) (141)
15./16. Peter Nash / Gemma Cowling (Großbritannien) (148,5)
15./16. Armin Gerstbauer / Katharina Hochwind (Österreich) (148,5)

Wertungsrichter

A Michel Aufrère (Frankreich)
B Denise Abrate (Italien)
C Jan Zwijsen (Niederlande)
D Michael Herdlitzka (Österreich)
E Oleg Kochniev (Ukraine)
F Klaus Gundlach (Deutschland)
G Kare Mortensen (Dänemark)

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