Kür Weltmeisterschaft Standard 2010 - 18.12.2010 Leipzig

Dem Winter zum Trotz: Kürweltmeisterschaft Standard in Leipzig

Leipzig hat Tanzsporttradition. Schon vor 1990 traf sich dort die Tanzsportprominenz der Welt bei zahlreichen hochkarätigen Turnieren, z.B. um den „Messe-Pokal“. Diese Tradition wurde später fortgesetzt: Die ARD Masters Gala 2002, 2004 und 2005 und die Weltmeisterschaft der Amateure Latein 2004 waren die Höhepunkte der letzten Jahre.

Einmarsch der Paare

So gesehen war niemand sonderlich erstaunt, als Oliver Thalheim und Tina Spiesbach die Idee hatten, in der „Glashalle“ der Leipziger Messe eine Weltmeisterschaft der Professionals auszurichten. Oliver und Tina, die Leipziger Messe GmbH und die Olympia Sport Leipzig GmbH als die Mitverantwortlichen hatten das Glück der Tüchtigen: Zum Jahresausklang konnte sich der deutsche Profitanzsport noch einmal an einer perfekt organisierten glanzvollen Großveranstaltung erfreuen. Die Glashalle ist in ihrer eigentlichen Funktion die große Zentralhalle für den gesamten Leipziger Messebereich. Sie besteht praktisch aus einem riesigen gläsernen der Länge nach halbierten und auf den „Schnittkanten“ ruhenden Zylinder. Die Sorge, die man am hellen Morgen bei den Vorrunden angesichts der riesigen Ausmaße der Halle haben konnte, ob sich denn auch die wünschenswerte Turnieratmosphäre würde herstellen lassen, erwies sich als unbegründet: Es war einfach traumhaft.

Als Turnierleiter war Joachim Llambi (Foto links) verpflichtet worden. Er ist im Deutschen Professional Tanzsportverband der Beauftragte für alle Fernsehangelegenheiten, war aber von den Leipziger Medien im Rahmen der Pressearbeit im Vorfeld aus naheliegenden Gründen mit einem Hinweis auf seine Funktion als „Juror“ bei „Let's dance“ in Erinnerung gebracht worden. Dort hat er die Rolle des „strengen Wertungsrichters“, viele Zuschauer werden deshalb über seine nicht nur kompetente, sondern auch ausgesprochen liebenswürdige Turnierleitung im guten Sinne überrascht gewesen sein.

Fast alles hatten die Organisatoren fest im Griff, keinen Einfluss hatten sie leider auf die Wetterlage. Im April bei der Europameisterschaft 10 Tänze in Siegen hatte der isländische Vulkan Eyjafjallajökull für einige Paare die Anreise erschwert oder unmöglich gemacht, dieses Mal waren es Schnee und Eis und ihre Auswirkungen auf Straßen, Bahnen und Flugplätze. Dabei haben manche durchaus nicht sofort resigniert: German Mustuc und Iveta Lukosiute, die ab Zürich mit dem Flugzeug nicht weiter kamen, kämpften sich per Taxi bis zu einer Flugmöglichkeit ab München durch. Aber manche blieben eben buchstäblich auf der Strecke, so dass letztlich nur noch 14 Paare auf der Startliste standen.

Die Glashalle als Turniersaal

Die für den späten Vormittag öffentlich angekündigte Vorrunde musste gleichwohl durchgeführt werden, allerdings hat man sich entschlossen, alle Paare auch am abendlichen Semifinale teilnehmen zu lassen. Dass die langjährig erfolgreichen Kürtänzer Fabrizio und Lorena Cravero aus Italien sowie Ruslan und Olena Golovashchenko aus der Ukraine auch dieses Mal das Finale erreichen würden, war schon nach der Vorrunde zu erwarten. Mit weiteren Prognosen tat man sich allerdings schwer. Das hängt weitgehend mit den Besonderheiten der Kürturniere zusammen: Wenn es zwar bestimmte Regeln, aber dennoch größere Spielräume für eine individuelle Gestaltung gibt, ist die Ergebnisermittlung von einer solchen mit Maßband und Stoppuhr noch weiter entfernt als bei den sonstigen Turnieren. Das ist, wenn auch künstlerische Aspekte eine Rolle spielen, unvermeidbar, vielleicht auch so gewollt.

Siegerehrung
Schneeflöckchen-Kinder

Dem entspricht auch das Ergebnis der Auswahlwertung im Semifinale und der im Finale vergebenen Plätze: Kein Paar wurde von allen sieben Wertungsrichtern ins Finale gewertet, in das die sechs Paare kamen, die fünf oder sechs Kreuze erhalten hatten. Zwei weitere Paare lagen mit vier und drei Kreuzen dichtauf. Erst dann gibt es einen kleinen Abstand zu den übrigen Paaren. Im Finale schaffte kein Paar eine „Einsermajorität“. Bei der Zweiermajorität musste anhand der Summe der diese Majorität herstellenden Plätze entschieden werden, und auch das ging für Fabrizio und Lorena Cravero und ihre Kür „A funny game“ extrem knapp aus. Der mit der Russin Veronika Vlasova für Russland tanzende Italiener Alessio Potenziani (Kür: „Sensation“) hatte das Nachsehen. (Das hat er gelassen hingenommen und bei der Siegerehrung die italienische Nationalhymne ein bisschen mitgesungen.) Die genannte Regel musste auch für die Entscheidung zwischen Platz 4 und Platz 5 herhalten, die zuungunsten von Oliver Thalheim und Tina Spiesbach (Kür: „Era gia tutto previsto“) ausging. Sie mussten sich Gherman Mustuc und Iveta Lukosiute mit ihrer schönen Kür „Carmen“ geschlagen geben, allerdings nur ganz knapp.

Die Bilanz für die deutschen Teilnehmer ist ausgesprochen positiv: Oliver Thalheim und Tina Spiesbach, die erstmals an einer internationalen Kürmeisterschaft teilgenommen haben, nahmen auf Anhieb zusammen mit langjährigen Kürexperten am Finale teil. Felix Schäfer und Nina Ciechowski (Kür: „Ritornare“) konnten zwar ins Finale nicht eingreifen, teilten dieses Los aber mit einigen anderen Paaren, die ebenfalls ein gutes Bild abgegeben hatten. Wenn bei 14 Paaren nur sechs Paare ins Finale gewertet werden dürfen, ist bei jedem Wertungsrichter der Vorrat an Kreuzen eben bald erschöpft.

Oliver Thalheim und Tina Spiesbach

Erfreulich war die Unterstützung der deutschen Paare (naheliegenderweise vor allem des Leipziger Paares) durch das Publikum. Schließlich treten die Paare nicht nur unter ihrem Namen, sondern für ihre Nationen an. Da darf das Paar der eigenen Nation angefeuert werden. Das gilt selbstverständlich für die Schlachtenbummlergruppen aus dem Ausland, das muss aber auch für das heimische Publikum und die Paare des Ausrichterlandes gelten. Das deutsche Publikum tut sich da manchmal etwas schwer.


Die Ergebnisliste und die kompletten Wertungen sind auf den Seiten des WDC zu finden. Bitte hier klicken.

Wertungsrichter: A: Francois Visele (Frankreich), B: Mariano Annunziato (Italien), C: Osamu Kaiho (Japan), D: Trudi Barr (Norwegen), E: Bruno Belousov (Russland), F: Andrea Kiefer (Deutschland), G: Svein Rotvold (Norwegen)

Falko Ritter
 

Fotos: Franziska Streffing

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