Weltmeisterschaft Latein der Professionals 20.11.2010 - Bonn

Glanzvolle Veranstaltung, hinreißende Leistungen: WM Latein 2010


Als die Tanzschule Breuer mit Matthias Fronhoff als Organisator im Jahr 2008 die Weltmeisterschaft der Professionals in den Standardtänzen sehr erfolgreich über die Bühne gebracht hatte, freute man sich über die positive Kritik, dachte aber nicht im Traum daran, schon für 2010 erneut eine solche Verpflichtung auf sich zu nehmen. Man hat es zunächst auch nicht getan: Die WM Latein 2010 sollte zwar nach Deutschland geholt werden, es war aber ein anderer Ausrichter gesucht und gefunden worden. Aber dann kam alles ganz anders. Der ursprünglich vorgesehene Ausrichter hatte Gründe sich zurückzuziehen. Aber was nun?

Im DPV-Präsidium kam es auf Karl Breuer und Matthias Fronhoff an, in deren Innerem letztlich Vernunftsgründe (doch nicht nach zwei Jahren schon wieder!) gegenüber der Liebe zum Tanzsport (aber schön wäre es ja!) unterlagen. So viel zur Vorgeschichte. Was lernen wir daraus? Ohne Tanzsportbegeisterung, Enthusiasmus und auch Mut zum Risiko läuft in diesen Dingen nichts.

47 Paare aus 33 Nationen waren dann am 20. November 2010 im Festsaal des Maritim Hotels am Start, geringfügig weniger als vor einem Jahr in Blackpool. Bis auf Katsevman / Manusova (USA) waren alle Finalpaare des Vorjahres wieder angetreten. Als mögliche Mitfavoriten waren Sergey Surkov / Melia (Russland) und Maurizio Vescovo / Andra Vaidilaite (Kanada) hinzugekommen, die im Vorjahr nicht teilgenommen hatten, Surkov wegen eines Wechsels der Nation, Vescovo wegen eines Wechsels der Partnerin. Man musste nicht sehr mutig sein, wenn man die Prognose äußerte, dass diese fünf plus zwei Paare allesamt weit vorn platziert sein würden, was freilich eine Änderung der Reihenfolge untereinander nicht ausschloss.

Nehmen wir es vorweg: Die Paare waren von der Atmosphäre des Turniertages begeistert, des ganzen Turniertages, nicht nur des Abends: Für den Nachmittag waren spezielle Einlasskarten angeboten worden. Viele Tanzsportinteressierte hatten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und waren schon in den beiden ersten Runden für die Paare ein Publikum, das ihnen die gewünschte leistungssteigernde Resonanz bot. Erst recht am Abend: Ich kann mich an kein Turnier erinnern, in dem die Zuschauer schon nach dem Semifinale die Paare mit standing ovations gefeiert haben. Cheforganisator und Turnierleiter Matthias Fronhoff kann stolz sein: In beiden Funktionen hat er Hervorragendes geleistet.

Und es war ja auch spannend. Dass die drei Medaillenpaare des Vorjahres wieder im Finale sein würden, daran hat niemand gezweifelt. Aber: Die Reihenfolge der drei Paare auf den Medaillenrängen war seit der Weltmeisterschaft 2008 in Innsbruck praktisch „zementiert“ und bei allen großen Latein-Tanzsportereignissen dieselbe. Würde sich an dieser Reihenfolge dieses Mal etwas ändern?

Und welche Paare würden die drei weiteren Finalplätze einnehmen? Nah an der Spitzengruppe lagen nach dem Semifinale mit 49 Kreuzen Sergey Surkov / Melia. Auch Andrej Skufca und Melinda Törökgyörgy (Slowenien) befanden sich mit 33 Kreuzen in Sicherheit. Aber wer kraft seiner Funktion Zugang zu den Zwischenständen hatte, sah: Nach vier Tänzen des Semifinales bestand zwischen dem zweiten deutschen Paar Markus Homm / Ksenia Kasper und Maurizio Vescovo / Andra Vaidilaite Gleichstand. Der Jive verhalf dann den Kanadiern zu einem Zähler Vorsprung, so dass die Deutschen das Nachsehen hatten und das Turnier mit extrem knappen Ergebnis wieder einmal mit einem Anschlussplatz abschlossen.

Das Finale verwandelte den Festsaal des Maritim Hotels in einen Hexenkessel, aber das war angesichts der Beifallsstürme schon in den Runden davor, mit der die Paare zu Höchstleistungen angespornt wurden, nicht anders zu erwarten.

Die Analyse der Finalwertungen zeigt: Auf drei Paare entfielen im Wesentlichen die Einsen, Zweien und Dreien, auf die anderen drei Paare die Vieren bis Sechsen. „Die Samba entscheidet die WM“ lautet die Überschrift im Bonner „General-Anzeiger“. In der Tat: Der ChaChaCha war noch mit sechs Einsen knapp an die amtierenden Weltmeister gegangen. Nur noch drei Einsen konnten sie jedoch in der Samba für sich verbuchen, sechs gingen an Riccardo Cocchi/Yulia Zagoruychenko (USA), zwei an Franco Formica/Oxana Lebedew, die sich mit Majorität (6:5) der Wertungen „1 bis 2“ ebenfalls vor die Weltmeister setzen konnten. Cocchi/Zagoruychenko hatten mit dem zweiten Tanz also nicht etwa nur Gleichstand erzielt, sie waren 3:4 in Führung gegangen. Diese bauten sie mit drei weiteren gewonnenen Plätzen zum sehr klaren Endstand 6:10 aus. Ausdrücklich loben muss man die sportliche Haltung, mit der Michal und Joanna und ihre Schlachtenbummler aus Polen und Belgien das Ergebnis hingenommen haben. Manche Paare könnten sich daran ein Beispiel nehmen.

Das Feld ist in der Spitzengruppe enger geworden, enger, als die Platzziffern 6 - 10 - 14 vermuten lassen: In allen fünf Tänzen hat es für alle drei Paare auch Einsen gegeben. Je eine 2 mehr in zwei Tänzen hätte für Franco und Oxana für Platz 2 gereicht.

Übrigens: Dass bei einer Weltmeisterschaft ein amtierender Weltmeister besiegt wird, kam hin und wieder vor. Manchmal war der neue Weltmeister ein neues Paar, das auf Anhieb gewonnen hat (z.B. 1962 Walter Laird / Lorraine Reynolds). Dass der Weltmeister vom Vizeweltmeister besiegt wird, war jedoch vergleichsweise selten und ist zuletzt 1977 geschehen, als Alan und Hazel Fletcher den bisherigen Weltmeistern Peter Maxwell / Lynn Harman den Titel abnahmen, jener Lynn Harmann, die bei der WM 2010 als Wertungsrichterin eingesetzt war. Und noch ein paar Jahre davor gab es ein solches Ereignis zwei Jahre hintereinander: 1967 setzten sich die im Vorjahr Drittplatzierten Rudolf und Mechtild Trautz vor die Weltmeister Bill und Bobbie Irvine, 1968 drehte sich - vor der weiteren dreijährigen Siegesserie der Deutschen - die Reihenfolge noch einmal um.

Die Leistungen der Paare lobte Ralf Lepehne im Bonner General-Anzeiger. “Das war die beste Latein-WM aller Zeiten.” Die Vermutung liegt nahe, dass die Ursache nicht nur in der Leistungsstärke der Paare zu sehen ist, die sie nach Bonn mitgebracht haben. Ein glanzvolles elegantes Ambiente, ein begeisterungsfähiges Publikum, eine perfekte Live-Musik (es war die Feedback Dancing Band) und natürlich auch leistungsstarke Paare, diese Dinge üben aufeinander eine Wechselwirkung aus. Die Paare sind, getragen von der Begeisterung des Publikums, förmlich über sich hinausgewachsen. Nicht alles, was für andere erfolgreiche Sportarten gut ist, ist auch für den Tanzsport das Richtige. Ein festlicher Rahmen, in dem auch Abendgarderobe ihren Platz haben darf, kann dem Tanzsport förderlicher sein als die Mammuthalle mit Zuschauern im Räuberzivil.

Es gibt Tage, da stimmt alles. Auch die Fernsehaufzeichnung des ZDF war vorzüglich und wurde sehr gelobt. Beispielsweise ein Kommentar im DTV-Forum: “Endlich konnte man im deutschen Fernsehen mal ein richtig wichtiges Turnier anschauen, bei dem die Kameraführung überwiegend vorbildlich war! Daher vielen Dank an Kamera und Regie des ZDF.” Rudi Cerne, der als ehemaliger erfolgreicher Eiskunstläufer dem Tanzsport in gewisser Weise nahe steht, und Carmen Vincelij, die kraft ihrer durch neun Weltmeistertitel belegten Fachkunde auch beim Fernsehrpublikum auf hohe Akzeptanz stößt, gaben ein optimales Moderatorenduo ab.

Eine Änderung hatte es im Wertungsgericht gegeben. An Stelle des als deutscher Wertungsrichter vorgesehenen Oliver Wessel-Therhorn wurde Ralf Lepehne eingesetzt. Erinnerungen an Oliver waren noch einmal zu Beginn der Abendveranstaltung wach geworden: Im Rahmen der als Opening gestalteten Videoshow wurde auch an seinen Werdegang und seine Erfolge erinnert.

Falko Ritter



Finale:

1. Riccardo Cocchi / Yulia Zagoruychenko (USA) (6)
2. Michal Malitowski / Joanna Leunis (Polen) (10)
3. Franco Formica / Oxana Lebedew (Deutschland) (14)
4. Sergey Surkov / Melia (Russland) (20)
5. Andrej Skufca / Melinda Törökgyörgy (Slowenien) (27)
6. Maurizio Vescovo / Andra Vaidilaite (Kanada) (28)

Semifinale:

7. Markus Homm / Ksenia Kasper (Deutschland)
8. Emanuele Soldi / Elisa Nasato (Italien)
9. Delyan Terziev / Boriana Deltcheva (USA)
10. Roman Myrkin / Natalia Biedniagina (Ukraine)
11./12. Rachid Malki / Anna Suprun (Norwegen)
11./12. Joshua Keefe / Sara Magnanelli (Italien)

Wertungsrichter:

A. Denis Couderc (Frankreich)
B. Lynn Harman (Grossbritannien)
C. Jerry Abrate (Italien)
D. Kozo Kodama (Japan)
E. Lison Nepveu (Kanada)
F. Espen Salberg (Norwegen)
G. Mariusz Grzejszczak (Polen)
H. Leonid Pletnev (Russland)
I. Andrew Cowan (Schottland)
J. Lee Wakefield (USA)
K. Ralf Lepehne (Deutschland)

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