Europameisterschaft Kür Latein 2011 - 29.11.2011 Leipzig

Tanzsporthochburg Leipzig: Vom Glück des Tüchtigen

Schon am 18. Dezember 2010, dem Tag der Weltmeisterschaft Kür Standard, hatten der DPV und die Leipziger Ausrichter, also die Olympia Sport GmbH und die ADTV-Tanzschule Oliver Thalheim und Tina Spiesbach, ist Auge gefasst: So etwas machen wir nächstes Jahr wieder. Einerseits war das gut zu verstehen: Der Erfolg dieser glanzvollen Veranstaltung legte den Gedanken an eine Wiederholung nahe. Vielleicht doch ein bisschen mutig, dachten die Vorsichtigeren, und auch daran, dass mit des Geschickes Mächten kein ew'ger Bund zu flechten ist. Doch die Mutigen hatten Recht: Wiederum hatten rund zweitausend Zuschauer den Weg zum Messegelände im Nordosten der Stadt gefunden. Die Glashalle war ursprünglich als gemeinsame Eingangshalle für das gesamte Messeareal konzipiert, dient jetzt aber mehr und mehr auch selbst als „Event-Location“, wurde in einer Begrüßungsansprache erläutert.

Perfekte Organisation, sorgfältige und ungestörte Abwicklung der Formalitäten, Hotel in nächster Nähe, unermüdlicher Shuttledienst, das alles schuf beste Voraussetzungen für eine internationale Meisterschaft der Professionals, von der sich die deutschen Ausrichter natürlich auch adäquate sportliche Meriten erhofften. Nicht ohne Grund hatte man gerade die Europameisterschaft Kür Latein gewählt: Jesper Birkehoj und Anna Kravchenko waren im November 2010 in dieser Disziplin Europameister geworden, für die Titelverteidigung sollte ein optimaler Rahmen geschaffen werden. In diesem einen Punkt ging die Rechnung leider nicht auf: Jesper war in seinem anderen Beruf (er ist IT-Experte bei Daimler-Benz) zu dieser Zeit unabkömmlich.

Stefan Erdmann und Sarah Latton haben sich im Vergleich mit dem Vorjahr um zwei Plätze verbessert
Zum ersten Mal dabei und gleich im Finale: Valera Musuc und Nina Trautz

Aber der DPV ist gut aufgestellt. Er ging mit den mehrmaligen deutschen Kürmeistern und zweiten deutschen EM-Finalisten des Vorjahres, Stefan Erdmann und Sarah Latton ins Rennen, außerdem mit Valera Musuc und Nina Trautz, die schon im Lateinturnier im September demonstriert haben, dass ihnen die Kürdisziplin Freude macht und für sie erfolgversprechend ist. Das Ergebnis vorweg: Beide Paare haben das Finale erreicht und die Plätze fünf und sieben belegt.

Im Rahmenprogramm: Viele kleine Hexen...
... und Rock'n'Roll

Darüber, ob die „richtigen“ Paare im Finale waren, lässt sich bei den herkömmlichen Turnieren über fünf Tänze oft weitgehend Übereinstimmung feststellen. Das ist in der Kürdisziplin nicht so. Deshalb zunächst zur „Papierform“. Ihr entspricht der Sieg der Italiener durchaus, die bei der Europameisterschaft 2010 nicht am Start waren, aber 2009 und in den Weltmeisterschaften 2009 und 2010 an den Finalrunden teilgenommen haben. Auch mit den Vizeeuropameistern 2010 Justas Kucinskas / Jekatarina Romankova war zu rechnen, dieses Ergebnis erzielten sie auch dieses Mal. Finalteilnehmer 2010 waren auch Stefan Erdmann und Sarah Latton. Alle vier anderen Paare sind zum ersten mal auf den Endrundenlisten internationaler Kürmeisterschaften zu finden. Ihnen mussten einige kürerfahrene Paare weichen, z.B. Plamen Danailov und Radostina Gerova aus Bulgarien, die sich nach zwei Finalteilnahmen 2009 und 2010 im zweistelligen Bereich der Ergebnisliste wiederfanden. Bei dieser Konstellation ist die Finalteilnahme beider deutscher Paare ein äußerst erfreuliches Ergebnis. Auf die Deutsche Meisterschaft, die am 10. Dezember in Balingen stattfindet, und auf die Weltmeisterschaft eine Woche später in Kazan (Russland) können wir uns freuen.


Die Fotos stammen dieses Mal von Martin Schlichting aus Dresden, der dort ein Fotostudio betreibt und selber Turniertänzer ist. Er hat eine große Auswahl von Fotos ins Netz gestellt, die auch online bestellt werden können.

http://www.sconi-piladi.de/111029/


Finale:

1. Alessandro Camerotto / Nancy Berti, Italien
2. Justas Kucinskas / Jekatarina Romankova, Litauen
3. Oleksandr Skarlato / Yulia Lesokhina, Ukraine
4. Arsen Agamalyan / Oxana Vasilieva, Russland
5. Stefan Erdmann / Sarah Latton, Deutschland
6. Sven Ninnemann / Nina Chin-Ju Uszkureit, Schweiz
7. Valera Musuc / Nina Trautz, Deutschland

Vom DPV war Olga Müller-Omeltschenko als Wertungsrichterin nominiert
Als Turnierleiter fachkundig, freundlich und unterhaltsam: Joachim Llambi

Wertungsrichter: Mariano Annunziato (Italien), Ad de Bruijn (Niederlande), Svein Rotvold (Norwegen), Tamara Belyaeva (Russland), Luis Delgado (Spanien), Vitaliy Grygorovych (Ukraine), Olga Müller-Omeltschenko (Deutschland)
 

Autor: Falko Ritter

Beobachtungen, Überlegungen, Diskussionsstoff
von Falko Ritter

- Das Siegerpaar, auf das es für die Zuschauer und die Experten schon nach den ersten Tänzen hinausläuft, gibt es im Kürtanzen selten. Auch dieses Mal hat kein Paar im Semifinale alle sieben Kreuze für das Finale bekommen, das man wiederum schon mit vier Kreuzen erreichen konnte. Im Finale wurden vier Paare in der Spanne 1 bis 6 oder 2 bis 7 bewertet. Das sagt nichts über die Qualifikation des Wertungsgerichts, sondern ist weitgehend kürtypisch. So gesehen ist es übrigens erstaunlich, dass die WDSF, die mit Beharrlichkeit die Aufnahme des Tanzsports in die Liste der Wettkampfsportarten anstrebt und stets dokumentiert, dass und warum die Wertungen auch im Tanzsport klaren Regeln folgen und deshalb nachvollziehbar sind, sich diesen Fragen ohne Not aussetzen möchte. - Auch bei dieser EM war zu beobachten, dass von der Möglichkeit, in A und B unterschiedlich zu bewerten, nur sehr zurückhaltend Gebrauch gemacht wird. Nur in 15 von 49 Fällen gibt es einen Unterschied, der größer ist als ein Zähler. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass das die Leistungen der Paare in allen Fällen richtig beschreibt: Wer eine im Sinne der B-Note wunderschöne Kür zeigt, muss in seinen technischen Fähigkeiten nicht zum Spitzenfeld zählen. Wer technisch perfekt ist, zeigt nicht zwangsläufig eine im Sinne der B-Note schöne Kür. - Im Tanzen ist Vieles in Bewegung. Man vergegenwärtige sich: Das Ganze hat vor vielen Jahren damit angefangen, dass die Küren praktisch Potpourris der fünf jeweiligen Turniertänze waren. Da kamen Übergänge dazu und zu Beginn und am Ende ein Lift, und das war es meist. Inzwischen ist alles anders geworden. Das fängt bei der Musik an: Nur wenig Musik aus den insgesamt rund 42 Kürminuten wäre in einem Lateinturnier verwendbar. Das setzt sich in der Bewegung fort: Auch in den die Choreographien finden sich mehr und mehr Elemente, die nicht typisches Latein- oder Standardtanzen sind. Beides muss man nicht bedauern, sollte es aber wahrnehmen und überlegen, ob dieser Weg gut und richtig ist. Wenn ja, müsste allerdings auch nachgedacht werden, ob Punkt 6.3.2 der WDC Competition Rules weiterhin unverändert Bestand haben soll. Dort ist von „regular Standard dances“ bzw. „regular Latin-American competition dances“ die Rede, die einen Anteil von wenigstens 75 % der Gesamtdauer haben müssen. - Wünschenswert wäre es vielleicht auch, wenn es nicht ganz im Verborgenen bliebe, wie einzelne Gestaltungselemente verstanden werden sollen. Man könnte an eine kurze vom Turnierpaar zusammen mit seinem Choreographen verfasste Erläuterung denken, die ins Programmheft aufgenommen oder vielleicht sogar vom Turnierleiter verlesen wird, denn die „Namen“ der Küren alleine erklären meist nichts. Dann käme man z.B. dahinter, was mit dem Outfit und der Dramatik von Arsen Agamalyan oder der schwarze Augenbinde von Yulia Lesokhina, die erst ganz am Ende abgenommen wird (siehe Fotos) zum Ausdruck gebracht werden soll. Es sei denn, der einzelne Kürtanz soll - im Sinne des Konzepts von Umberto Eco - als “offenes Kunstwerk“ verstanden werden, das erst im Kopf des Betrachters vollendet wird und eben mehrere Deutungen erlaubt. Dann würde es mit der Nachvollziehbarkeit der B-Noten natürlich noch problematischer.

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